Drucken

Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP) zum Koalitionsvertrag

Die Vorsitzenden von CDU, SPD und CSU haben am 27.11.2013 den Koalitionsvertrag für die kommende Legislaturperiode unterzeichnet.

Die DGKJP begrüßt es, dass der Koalitionsvertrag Positionen und Forderungen der Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie zumindest teilweise in den Koalitionsvertrag aufgenommen hat.

Aus kinder- und jugendpsychiatrischer Sicht ist es zunächst sehr wichtig, dass der Koalitionsvertrag die Schnittstellenproblematik zwischen den einzelnen Büchern des SGB in Bezug auf Hilfen für Kinder, Jugendliche und ihre Familien aufgegriffen hat. Aus kinder- und jugendpsychiatrischer Sicht muss hierbei insbesondere sichergestellt werden, dass für alle Kinder mit (drohenden) psychischen Problemen individuelle Lösungen gefunden werden. Solche Probleme entstehen vor allem an den Übergangen zwischen verschiedenen Systemen (z.B. Gesundheitswesen, Jugendhilfe, Eingliederungshilfe, Berufsanbahnung). Grundsätzlich begrüßt die DGKJP die von ihr schon lange geforderte und geplante Umsetzung der so genannten „großen Lösung“, gerade angesichts der Debatte um Inklusion, auch von Kindern und Jugendlichen mit (drohender) seelischer Behinderung.

Die DGKJP befürwortet ausdrücklich, dass bereits 2014 ein neues, breiter angelegtes, bereichsübergreifendes Präventionsgesetz geschaffen werden soll. Hierbei müssen vor allem die Interessen von Kindern und Jugendlichen in risikoreichen Lebensbedingungen besondere Berücksichtigung finden, da durch Prävention die Weichen für ein gesundes (Erwachsenen)leben gestellt werden. Dies gilt vor allem für die psychosoziale Entwicklung, da psychische Störungen oftmals bereits im Kindes- und Jugendalter erstmalig auftreten (vgl. seelisch gesund aufwachsen, Stiftung „Achtung! Kinderseele“ http://www.achtung-kinderseele.org).

Ferner unterstützt die DGKJP nachhaltig die Weiterentwicklung des Konzepts der Deutschen Zentren für Gesundheitsforschung. Dabei sollte aus kinder- und jugendpsychiatrischer Sicht ein deutsches Zentrum für psychische Erkrankungen geschaffen werden, in dem entwicklungspsychiatrische Forschung einen besonderen Fokus auf das Kindes- und Jugendalter unter Einbezug kinder- und jugendpsychiatrischer Expertise legen sollte.

Schließlich hat mit der Neuordnung des Psychotherapeutengesetzes ein aus kinder- und jugendpsychiatrischer Sicht sehr wichtiger Aspekt Eingang in den Koalitionsvertrag gefunden. Die DGKJP wünscht sich, dass in diesem Zusammenhang unter anderem die „Bachelor-Master-Problematik“ einer Klärung zugeführt wird und Kinder und Jugendliche hinsichtlich der Qualifikationen der sie  behandelnden Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutinnen und –psychotherapeuten nicht schlechter gestellt werden als Erwachsene. Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie ist nicht weniger komplex als die Behandlung von Erwachsenen mit einer psychischen Störung, weil es sich „nur“ um Kinder und Jugendliche handelt. Vielmehr handelt es sich bei Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie um Psychotherapie in der Entwicklungsphase, in der sich Verhaltensdimensionen unterschiedlich entwickeln und altersspezifische therapeutische Techniken zur Anwendung kommen. Die bisherige Schlechterstellung von betroffenen Kindern und Jugendlichen in Bezug auf die Eingangsqualifikation der behandelnden Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutinnen und –psychotherapeuten ist Resultat einer Bestandswahrungsklausel, welche im Übergang zum damals geschaffenen Psychotherapeutengesetz, den Heilberuf der Psychologen und dessen Fortbestand angemessen berücksichtigen sollte. Bei einer gesetzlichen Neugestaltung muss nun nach vorne geschaut werden und der Komplexität des Anforderungsprofils Rechnung getragen werden.

Positiv ist aus Sicht der DGKJP auch, dass das Thema Psychiatrieentgelt im Koalitionsvertrag aufgegriffen worden ist und dass die für Kinder und Jugendliche besonders wichtige sektorübergreifende Versorgung durch das Entgeltsystem gefördert werden soll.

Leider greifen die Aussagen im Koalitionsvertrag hier zu kurz, da weder der ordnungspolitische Rahmen noch die unbedingt erforderlichen Personalgarantien aufgegriffen werden, die die Besonderheiten in der Kinder- und Jugendpsychiatrie wegen des hohen pflegerischen und erzieherischen Bedarfs widerspiegeln. Die Schaffung einer qualitätserhaltenden Personalbemessungsgrundlage vor Abschaffung der PsychPV darf wie die Sicherstellung einer adäquaten Personalausstattung durch angemessene substantielle Budgeterhöhungen entsprechend der Personalkostenentwicklungen nicht vernachlässigt werden.
Nur so wird man der Kinder- und Jugendpsychiatrie, die bekanntermaßen sehr personalintensiv ist, gerecht.

Zu kritisieren ist aus Sicht der DGKJP, dass das Thema Kinder und Jugendliche insgesamt im Koalitionsvertrag unterrepräsentiert ist. Kinder und Jugendliche sind die Zukunft des Landes. Aus diesem Grund fordert die DGKJP, dass die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen hinreichend Berücksichtigung findet. Vor dem Hintergrund des „KIGGS-Survey“ des Robert Koch Instituts, wonach rund 20% aller Kinder und Jugendlichen in Deutschland emotionale und/oder Verhaltensauffälligkeiten aufweisen, besteht gerade im Bereich psychischer Gesundheit von Kindern und Jugendlichen dringender Handlungsbedarf. Die Aussagen im Koalitionsvertrag zur Kinder- und Jugendmedizin, zu Innovation in der medizinischen Versorgung etc. sind deshalb, gerade mit Blick auf psychisch kranke Kinder und Jugendliche auszudifferenzieren und zu konkretisieren. Traumafolgestörungen und deren Behandlung spielen in der Praxis der Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie eine große Rolle. Die bessere Versorgung von vernachlässigten, auch emotional vernachlässigten, sowie misshandelten und sexuell missbrauchten Kindern liegt uns deshalb sehr am Herzen. Wir begrüßen in diesem Zusammenhang ausdrücklich, dass die Stelle eines Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs gesichert wird und gehen dabei davon aus, dass das Monitoring des UBSKM zur Umsetzung von Maßnahmen zum besseren Schutz von Kindern und Jugendlichen in Institutionen und andere Aktivitäten wie seine Kampagne und die Hearings auch weiterhin unterstützt werden, da wir in der Praxis, ebenso wie im wissenschaftlichen Bereich deutlich davon profitiert haben. Wir empfehlen dem Bundestag zu überlegen diese Tätigkeit auf eine gesetzliche Basis zu stellen und auch für eine Aufarbeitungskommission eine entsprechende gesetzliche Basis zu schaffen.

Abschließend bleibt festzuhalten, dass der Koalitionsvertrag wichtige Aspekte in Bezug auf Kinder und Jugendliche in Deutschland aufgreift, was wir nachhaltig begrüßen. Allerdings werden an vielen Stellen die besonderen Aspekte von Kindern und Jugendlichen v.a. beim Thema seelische Gesundheit nicht bzw. nicht ausreichend explizit thematisiert. Insofern muss dieser Aspekt bei der Konkretisierung und Umsetzung der generell im Koalitionsvertrag genannten wichtigen Themen stärkere Berücksichtigung finden.

Der DGKJP-Vorstand Anfang Dezember 2013

(Für den Vorstand: Prof. Dr. Jörg M. Fegert, Prof. Dr. Renate Schepker)

Download Stellungnahme DGKJP:  stn-2013-12-10-Koalitionsvertrag-DGKJP.pdf [185KB]

Link zum Koalitionsvertrag:
http://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2013/48077057_kw48_koalitionsvertrag/koalitionsvertrag.pdf