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Stellungnahme zur Überarbeitung der Kinderrichtlinien

Stellungnahme der DGKJP zur Überarbeitung der Richtlinien über die Früherkennung von Krankheiten bei Kindern bis zur Vollendung des 6. Lebensjahres (Kinderrichtlinien)

Die DGKJP begrüßt die stärkere Berücksichtigung der emotionalen und psychosozialen Entwicklungsbesonderheiten von Kindern im vorliegenden Entwurf der Kinderrichtlinien. Insbesondere begrüßen wir die Möglichkeit zu einer Stellungnahme. Wir Ärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie fordern seit Jahren eine Berücksichtigung psychischer und sozialer Entwicklungsdimensionen und Risikofaktoren für psychische Erkrankungen in den Vorsorgeuntersuchungen.


Verhaltensauffälligkeiten im Kindes- und Jugendalter sind nicht selten und stellen eine bedeutsame gesundheitsökonomische Herausforderung dar.
In der Studie von Hölling et al. 2014 (KiGGS) wurde in der Altersgruppe von 3-6 Jahren eine Prävalenz von grenzwertig auffälligen oder auffälligen Kindern (Risikogruppe) in Höhe von 17,2% gefunden, die nicht signifkant niedriger war als in der KiGGS-Basiserhebung 2003-2006 (damals 19,3%). Zudem zeigen psychische Störungen im Verlauf von 3 bis 6 Jahren eine hohe Persistenz (Bufferd et al., 2012).

Die kurz vor der Veröffentlichung stehende "Leitlinie zu psychischen Störungen im Säuglings-, Kleinkind- und Vorschulalter" (S2k) AWMF Nr.: 028/028 belegt aufgrund der bisherigen Forschungslage und Expertenmeinungen, dass insbesondere die frühe kindliche Entwicklung eng mit der Entwicklung und Interaktion mit der primären Bezugsperson verwoben ist. Die psychische und soziale Entwicklung eines Kindes kann nicht getrennt vom sozialen Umfeld und der Kommunikation mit den  Bezugspersonen beurteilt werden. Andererseits ist die Möglichkeit der Korrektur emotionaler und psychosozialer Entwicklungen bei Kindern durch Einflussnahme auf die Bezugspersonen und soziale Faktoren noch möglich und oft schnell zu erreichen.
Bedeutsam ist, dass schon subklinische Symptome eine Relevanz für das ärztliche Handeln haben können, noch bevor die Kriterien einer Störung erreicht sind. Nachweislich kann dann durch gezielte Beratung die Manifestation einer kindlichen Störung verhindert werden.
Durch die Initiativen zu Netzwerken „Frühe Hilfen“, die insbesondere Schnittstellen zwischen dem medizinischen Bereich und Angeboten der Jugendhilfe deutschlandweit schließen sollen, kommt den Kinder- und Jugendärzten als Primärärzten eine herausgehobene Funktion in der Prävention und Frühintervention zu.
Kinderärzte haben als Primärärzte ohnehin eine zentrale Funktion in der Früherkennung von Besonderheiten und Auffälligkeiten in der emotionalen, sozialen und somatischen Entwicklung und in der Früherkennung von Risikokonstellationen für psychische Störungen.  

Im Folgenden nehmen wir zu einzelnen Aspekten des Richtlinien-Entwurfs aus Sicht unseres Fachgebietes Stellung:

1. Es sollten keine unangemessenen Hemmungen bestehen, Eltern nach eigenen psychischen Belastungen zu befragen. Risikofaktoren für die psychische Gesundheit von Kindern bestehen u.a. in psychischen Störungen der Eltern (Sucht, Psychose, Persönlichkeitsstörungen, Depression). Es ist wichtig, dass solche Belastungen (natürlich i.R. der Schweigepflicht) erfragt werden und das bereits ab der U1.

2. Die Bedeutsamkeit der Interaktionsbeobachtung eines Kindes mit den Eltern kann nicht genug betont werden. Sie ist u.E. ab U3 alters- und entwicklungsmäßig richtig platziert, d.h. im beginnenden Lebensalltag der Eltern mit ihrem neugeborenen Kind. Die Checkliste zur Erfassung von Interaktionsproblemen des Kindes mit der primären Bezugsperson ist eher grob gefasst, für den erfahrenen Kinderarzt aber u.E. ausreichend, um seine Beobachtungen strukturiert zu erfassen und ggf. weitere Diagnostik zu initiieren. Die Beobachtung elterlicher Feinfühligkeit gegenüber dem Kind ist zentrale Erkenntnisquelle bei allen inzwischen eingeführten Programmen für Frühe Hilfen und entspricht der oben genannten S2K-Leitlinie unserer Fachgesellschaft zu psychischen Störungen in der frühen Kindheit.

3. Gut gelöst ist im Richtlinien-Entwurf auch, dass die Kinderärzte in Form der Fragebögen, die wissenschaftlich wohl eher als Checklisten zu verstehen sind, einen Interviewleitfaden an die Hand bekommen zur vertiefenden Exploration. So ist die Sozialanamnese in der U3-U6 objektiver zu fassen, wenn ein Elternfragebogen als Ausgangspunkt für vertiefende Gespräche zu Hilfe genommen wird. Dieses Vorgehen ist in strukturierten klinisch-psychiatrischen Interviews breit etabliert und hat sich in der Praxis auch aus zeitökonomischen Gründen bewährt.

Ab der U7 wird seitens der Vertreter der KBV der Mannheimer Elternfragebogen vorgeschlagen. Der Mannheimer Elternfragebogen hat sich in der Longitudinalstudie bei Risikokindern sehr bewährt und kann aus Sicht unseres Fachgebietes als gut eingeführtes Instrument gelten. Eine Belastung der Eltern mit Fragebögen sollte selbstverständlich begrenzt sein, jedoch ist dieses Instrument u.E. geeignet, Probleme des Kindes zu erkennen und gleichzeitig der wissenschaftlichen Exaktheit für die Praxis gerecht zu werden.

Wünschenswert wäre es, die einzusetzenden Elternfragebögen in mehrere Sprachen der größten Gruppen an Zuwanderer-ethnizitäten übersetzen zu lassen.

4. Wir begrüßen ausdrücklich aus entwicklungspsychiatrischer Sicht die Förderung des Muttersprachgebrauchs. Dieser ist für die emotionale Entwicklung nach der internationalen Literatur essentiell und hat eine psychoprotektive Funktion.

5. Einige Aspekte zum Thema Beratung halten wir für erwähnenswert:

  1. In der U8 wird die Medienberatung erwähnt, hierzu müsste der Elternfragebogen noch um einige Items ergänzt werden.
  2. Der Umgang mit Schreibabys sollte ebenfalls Teil der Beratung werden.
  3. Eine Einladung der Eltern zur Erörterung eigener Fragen ist aus unserer Sicht eine wesentliche Erweiterung des bisherigen Vorgehens und geeignet positive Elternkompetenzen zu fördern.
  4. Die Vermittlung Früher Hilfen und der Abbau von Stigmatisierungsängsten der Eltern durch den Kinder- und Jugendarzt kann aus unserer Sicht einen wesentlichen Beitrag dazu leisten, dass Frühe Hilfen vor allem von besonders bedürftigen Eltern angenommen werden können.

Literatur:

Hölling H. et. al. Psychische Auffälligkeiten und psychosoziale Beeinträchtigungen bei Kindern und Jugendlichen im Alter von 3-17 Jahren in Deutschland - Prävalenz und zeitliche Trends zu zwei Erhebungszeitpunkten (2003 bis 2006 und 2009 bis 2012). Ergebnisse der KiGGS-Studie - erste Folgebefragung (KiGGS-Welle 1). Bundesgesundheitsbl 2014 Band 57:807-819

Leitlinie zu psychischen Störungen im Säuglings-, Kleinkind- und Vorschulalter" (S2k) AWMF Nr.: 028/028

 

Download: Stellungnahme zur Überarbeitung der Richtlinien über die Früherkennung von Krankheiten bei Kindern bis zur Vollendung des 6. Lebensjahres (Kinderrichtlinien)