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Gemeinsame Stellungnahme zur Legalisierungsdebatte des nicht-medizinischen Cannabiskonsums

In Deutschland probiert jeder zehnte Jugendliche Cannabis das erste Mal im Alter zwischen 14 und 15 Jahren. Problembelastete Kinder und Jugendliche steigen noch deutlich früher in teilweise regelmäßige Cannabis-Gebrauchsmuster ein. Vor allem pubertärer und adoleszenter Cannabisgebrauch kann, wie aktuelle Forschungsergebnisse zeigen, zu ernsthaften körperlichen und psychischen Erkrankungen, zur nachhaltigen Störung der altersgebundenen Entwicklungs- und Wachstumsprozesse, zu Schulversagen sowie zu sozialer Desintegration der Betroffenen führen. Das Risiko für eine sehr rasche Entwicklung von Cannabisabhängigkeit inklusive des Konsums harter illegaler Drogen ist bei diesen Kindern und Jugendlichen besonders groß.


Die Legalisierung von Cannabisprodukten wäre ein Schritt in die falsche Richtung. Sie würde nicht nur den erfolgreichen bundesdeutschen drogenpolitischen Kurs in der Angebots- und Nachfragereduzierung von Cannabisprodukten bei jungen Menschen gefährden, sondern zugleich auch den sichtbaren generalpräventiven Effekt des Betäubungsmittelgesetzes (BtMG) aufs Spiel setzen. In Deutschland liegen die Cannabiskonsumquoten im europäischen Vergleich im Mittelfeld. In vielen Ländern mit liberaler Cannabispolitik liegen die Raten deutlich höher und junge Menschen steigen hier früher in Cannabisgebrauch ein. Dass der generalpräventive Effekt des BtMG weder durch das Ordnungsrecht noch das Jugendschutzgesetz (JuSchG) ersetzt werden kann, zeigt die hohe Zahl der riskant Alkohol konsumierenden und regelmäßig rauchenden Jugendlichen. Die Quoten riskanten Alkoholgebrauchs liegen etwa um das 4-fache und die des regelmäßigen Rauchens um das 10-fache höher als beim regelmäßigen Cannabisgebrauch. Alkohol-Testkäufe belegen Verstöße gegen das JuSchG in bis zu Dreiviertel aller Fälle.

Der Konsum von Cannabis ist heute in Deutschland die Hauptursache, wegen der Patienten erstmals eine Drogenberatung oder -behandlung aufgrund des Gebrauchs illegaler Substanzen antreten. Die Erfolgsquoten sind im Vergleich mit anderen Süchten niedrig. Den besten Schutz für Kinder und Jugendliche vor Drogenkonsum und Suchtgefährdung erzielen wir, wie die Präventionsforschung zeigt, durch die Verknüpfung von geeigneten Maßnahmen zur Nachfragereduzierung mit Maßnahmen zur Reduzierung des Drogenangebotes. Zielgruppenspezifische Prävention sowie jugendgerechte Beratungs-, Betreuungs- und Behandlungsangebote müssen durch gesetzgeberische und andere Maßnahmen zur Eindämmung von Drogenhandel und Drogenangeboten ergänzt werden. Bei der Weiterentwicklung drogenpolitischer Konzepte darf das Kindeswohl nicht außer Acht gelassen werden. Die Legalisierung von Cannabis würde die Gruppe der sozial benachteiligten Kinder und Jugendlichen besonders hart treffen und damit die Chancenungleichheit beim Aufwachsen in unserer Gesellschaft befördern.

 

Einleitung

Rund 0,5 % der Erwachsenen gelten laut Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung als süchtig nach Cannabis. Umgerechnet ist davon auszugehen, dass etwa 600.000 vorwiegend junge Menschen in Deutschland Probleme mit dem Konsum von Cannabis haben. Unter den 12- bis 17-Jährigen geben 1,3 % regelmäßigen Cannabisgebrauch an. Grundsätzlich sind unter anderem Anbau, Weitergabe und Handel mit Cannabis, aber auch der Besitz nach dem Betäubungsmittelgesetz (BtMG) in Deutschland verboten. Bei Besitz von geringen Mengen zum Eigengebrauch kann die Staatsanwaltschaft Ermittlungsverfahren einstellen. Die Länder legen fest, was gering bedeutet.

Mehrere Fachverbände und Fachgesellschaften haben in jüngster Zeit eigene Stellungnahmen zur Frage der Legalisierung des nicht-medizinischen Cannabiskonsums veröffentlicht. In aller Regel beziehen sich die Positionen auf den Cannabisgebrauch von Erwachsenen. Nur im Ausnahmefall finden die besonderen Bedingungen und Auswirkungen des Cannabiskonsums im Kindes- und Jugendalter Berücksichtigung. Um auf die vielschichtigen Probleme in der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen aufmerksam zu machen, veröffentlichen die kinder- und jugendpsychiatrische Fachgesellschaft und die Fachverbände wissenschaftlich fundierte Stellungnahmen. In der vorliegenden Stellungnahme zur Frage der Legalisierung von Cannabis werden die Verbreitung und das Gefährdungspotenzial sowie die Zusammenhänge zwischen Verfügbarkeit, Angebotsreduzierung und Konsumausmaß unter der speziellen Perspektive des Kindes- und Jugendalters bewertet.

 

Verbreitung

Von den Befürwortern1 einer Cannabislegalisierung wird hervorgehoben, dass das Cannabisverbot Kinder und Jugendliche nicht vom Konsum abhalte. Zudem spreche die hohe Rate der Cannabiskonsumenten in Deutschland gegen die bisherige „Prohibitionspolitik“. Cannabis sei mittlerweile eine „Alltagsdroge“. Dieser Argumentation ist vor dem Hintergrund epidemiologischer Untersuchungen zum Umfang des Substanzkonsums in Deutschland zu entgegnen, dass nur ein kleiner Teil der Bevölkerung aktuelle Konsumerfahrung mit Cannabis aufweist. Nach den Daten der Drogenaffini-tätsstudie (12 - 17 Jahre) sowie des Epidemiologischen Suchtsurveys (ESA) (18 - 64 Jahre) berichten 5,6 % der Kinder und Jugendlichen und 4,5 % der Erwachsenen über Cannabiskonsum in den vergangenen 12 Monaten. Die Raten für regelmäßigen Konsum sind deutlich geringer und folgen seit Jahren einem rückläufigen Trend. Nach Angaben der jüngsten Drogenaffinitätsstudie (2012) ist regelmäßiger Cannabiskonsum bei den 12- bis 17-Jährigen für 1,3 % der Altersgruppe nachweisbar. Unter jungen Erwachsenen im Alter zwischen 18 und 25 Jahren weisen 3,9 % regelmäßigen Cannabiskonsum auf (BZgA, 2014). Die entsprechenden Werte liegen für riskanten Alkoholgebrauch um das 4-fache und für regelmäßiges Tabakrauchen um das 10-fache höher. Diese Daten sprechen deutlich gegen die Einschätzung von Cannabiskonsum als „Alltagsdroge“.

 

Gefährdungspotenzial

Die Befürworter einer Legalisierung von Cannabis argumentieren, dass der Konsum von Cannabis weniger gefährlich sei als der Konsum von Alkohol und Tabak. Sie verweisen in diesem Zusammenhang auf das Gebot der Verhältnismäßigkeit in der Gesetzgebung. Diese Auslegung ist vor dem Hintergrund aktueller Forschungsdaten nicht haltbar. Vor allem pubertärer und adoleszenter Cannabisgebrauch kann, wie aktuelle Forschungsergebnisse zeigen, zu ernsthaften körperlichen und psychischen Erkrankungen, zur nachhaltigen Störung der altersgebundenen Entwicklungs- und Wachstumsprozesse, zu Schulversagen sowie zu sozialer Desintegration der Betroffenen führen. Das Risiko für eine sehr rasche Entwicklung von Cannabisabhängigkeit inklusive des Konsums harter illegaler Drogen ist bei diesen Kindern und Jugendlichen besonders groß. Im Durchschnitt beginnen Jugendliche in Deutschland zwischen dem 14. und 15. Lebensjahr mit dem Cannabisgebrauch. Risikopopulationen (z. B. Kinder und Jugendliche mit frühem und riskantem Suchtmittelkonsum, Kinder und Jugendliche mit Schwierigkeiten in Schule und Familie, Kinder und Jugendliche aus suchtbelasteten Familien, Kinder und Jugendliche in Hilfen zur Erziehung oder vergleichbaren Maßnahmen) steigen nicht selten bereits zwischen dem 11. und 13. Lebensjahr in Cannabisgebrauch ein. Insgesamt entwickeln etwa 9 % aller Cannabiskonsumenten eine Cannabisabhängigkeit. Wenn Cannabisgebrauch in der Adoleszenz beginnt, erhöht sich diese Rate auf 17 % und auf 25–50 %, wenn Cannabinoide in der Adoleszenz täglich konsumiert werden. Bei Cannabiskonsumenten mit regelmäßigem, täglichem Konsummuster sind Toleranzentwicklung sowie psychische und körperliche Abhängigkeit überwiegend vorhanden. Cannabiskonsum in der Adoleszenz erhöht die Wahrscheinlichkeit späteren Missbrauchs sogenannter harter illegaler Drogen erheblich.

Ferner haben die sozialschädlichen Auswirkungen von Cannabisgebrauch im Zusammenhang mit eingeschränkter Fahrtauglichkeit und Bedienungsfehlern von Maschinen hohe Relevanz. Bei einem sehr geringen Wirkspiel von Tetrahydrocannabinol (THC) im Blut (1 bis 2 ng/ml), wie er typischerweise noch mehr als 8 Stunden nach dem herbeigeführten Rauschzustand vorliegen kann, werden besonders schwere Verkehrsunfälle mit Personenschäden und Todesfolge verursacht. Die Behandlungsnachfrage durch Cannabiskonsumenten weist in vielen europäischen Ländern und in Deutschland steigende Tendenz auf. Den Berichten der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EBDD) zufolge gehören behandlungssuchende Cannabiskonsumenten mit durchschnittlich 25 Jahren zu den jüngsten Patienten innerhalb der Suchtkrankenhilfe. Unter den 15- bis 19-Jährigen geben 76 % Cannabis als Primärdroge an und in der Altersgruppe der unter 15-Jährigen sogar 86 %. Das Verhältnis zwischen jungen Männern und jungen Frauen beträgt etwa 5:1.

Bei Personen, die sich in Deutschland erstmalig in drogenspezifische Beratung oder Behandlung begeben, steht Cannabis als Substanz prominent an erster Stelle (2010: 59,8 %; 2009: 61,0 %) aller Klienten, deutlich vor dem weiter gesunkenen Anteil der wegen Störungen durch Opioide erstbehandelten Klienten (17,7 %; 2009: 18,3 %). Fast jeder fünfte Klient mit einer primären Cannabisproblematik weist zusätzlich einen schädlichen Gebrauch oder eine Abhängigkeit von Amphetaminen auf (19,1 %) bzw. mehr als jeder zehnte Klient einen schädlichen Gebrauch oder eine Abhängigkeit von Kokain (10,1 %). Etwa ein Viertel dieser Klienten erfüllen zudem die diagnostischen Kriterien einer alkoholbezogenen Störung (Pfeiffer-Gerschel et al., 2011). Fast zwei Drittel dieser Klienten sind alleinstehend und fast ein Sechstel hat die Schule ohne Schulabschluss oder mit Sonderschulabschluss beendet. Die Arbeitslosigkeit hat unter den Klienten mit der Hauptdiagnose Cannabis zwischen 2000 (18,1 %) und 2007 (42,0 %) extrem stark zugenommen und ist seither nahezu unverändert (2009: 43,6 %) (Pfeiffer-Gerschel et al., 2011).

 

Verfügbarkeit und Konsumausmaß

Die Befürworter einer Cannabislegalisierung behaupten, dass die restriktive Cannabispolitik in Deutschland keinen den Konsum begrenzenden Effekt habe. Das Verbot halte auch Kinder und Jugendliche nicht vom Konsum ab. Für die Zielgruppe der Kinder und Jugendlichen ist zu entgegnen, dass epidemiologische Untersuchungen ein anderes Ergebnis haben. Auf Kinder und Jugendliche wirkt sich die leichte Verfügbarkeit von Drogen ungünstig durch erhöhte Konsumbereitschaft und Konsumerfahrung aus. Restriktionen schützen Kinder und Jugendliche demgegenüber vor verfrühtem Substanzgebrauch.

Jugendliche konsumieren in Ländern mit liberaler Cannabispolitik im europäischen Vergleich überdurchschnittlich häufig Cannabis und sie steigen früher in den Cannabiskonsum ein als der europäische Durchschnitt. In der vergleichenden Schüleruntersuchung ESPAD (2012) werden seit 18 Jahren die Prävalenzen des Cannabiskonsums unter 15- bis 16-jährigen Schülern in mehreren europäischen Ländern erfasst. Hier zeigt sich, dass 15- bis 16-jährige Schüler in Ländern mit einer liberalen Cannabis-Politik besonders hohe Raten für Cannabiskonsum in den letzten 30 Tagen aufweisen, gemessen am Durchschnitt aller teilnehmenden Länder, der für Jungen 8 % und für Mädchen 5 % beträgt: Frankreich 26 %/22 %, Tschechische Republik 17 %/12 %, Spanien 14 %/13 %, Italien 14 %/9 %, Belgien 13 %/9 %. In Deutschland liegen die entsprechenden Werte bei 10 % für Jungen und 4 % für Mädchen. In der Schweiz und den Niederlanden wurden 30-Tage-Prävalenzen nicht erhoben bzw. nicht berichtet.

Ein ähnlicher Trend wie bei den 30-Tage-Prävalenzen stellt sich für die Lebenszeitprävalenzen (mindestens einmal konsumiert) der Schüler in den Jahren 2010 und 2011 dar (vgl. EBDD, 2012). Der Durchschnittswert aller teilnehmenden Länder liegt bei 20 % (Deutschland 19 %). In absteigender Häufigkeit ergeben sich folgende Werte: Tschechische Republik 42 %, Frankreich 38 %, Slowakei 27 %, Niederlande 27 %, Spanien 26 %, Belgien 23 %, Italien 21 %.

Vice versa wirkt sich eine geringe Verbreitung des Cannabiskonsums in der Bevölkerung im erwünschten Sinn auf Einstellungen und Konsummuster von Schülern aus - in Ländern mit niedriger Prävalenzrate wird das Gesundheitsrisiko durch Cannabiskonsum höher eingeschätzt. Die ESPAD-Studie aus dem Jahre 2011 (Hibell et al., 2012) zeigt, dass in Ländern mit einer niedrigen Prävalenzrate der Cannabiskonsum von den Schülern generell als gefährlicher wahrgenommen wird. Zwischen 56 % und 80 % dieser Schüler messen dem regelmäßigen Cannabisgebrauch ein großes Gesundheitsrisiko bei und 12 % bis 47 % dieser Schüler halten es für ein großes Gesundheitsrisiko, wenn Cannabis nur ein- oder zweimal probiert wird.

Die Ergebnisse der ESPAD-Studie geben ferner Aufschluss über den Zusammenhang von Einstiegsalter und Häufigkeit des Konsums unter 15- bis 16-jährigen Schülern. Hier zeigt sich, dass der lebensgeschichtlich frühe Beginn von Cannabiskonsum mit einem besonders hohen Risiko für eine Suchtentwicklung und chronischen Drogenkonsum im Erwachsenenalter einhergeht. 8 Länder meldeten einen Anteil von mindestens 5 % der Schüler, die bereits im Alter von 13 Jahren oder noch früher mit dem Cannabiskonsum beginnen. Dies sind Bulgarien, Tschechische Republik, Spanien, Estland, Frankreich, Niederlande, Slowakei und Vereinigtes Königreich, also wiederum jene Länder, die sich im europäischen Vergleich durch die höchsten Prävalenzraten des Cannabiskonsums bei Schülern auszeichnen.

Dass sich eine wenig restriktive Haltung gegenüber Cannabisgebrauch vor allem bei Kindern und Jugendlichen ungünstig auf deren Konsumbereitschaft und Konsumerfahrung auswirkt, belegt auch die Begleitforschung zu den „coffee shops“ in den Niederlanden. Hier beobachtet man, dass niederländische Jugendliche im europäischen Vergleich überdurchschnittlich viel Cannabis konsumieren und früher in den Cannabiskonsum einsteigen als im europäischen Durchschnitt (vgl. ESPAD-Daten 2007–2011 in Hibell et al., 2009, 2012; siehe oben). Ferner ging in den Niederlanden nach dem Jahr 1996, in dem die Altersgrenze für den erlaubten Erwerb von Cannabisprodukten in „coffee shops“ von 16 auf 18 Jahre erhöht wurde, der Cannabisgebrauch bei Jugendlichen merklich zurück, was für einen Effekt dieser restriktiveren Regelung spricht (Monshouwer et al., 2011).

 

Angebotsreduzierung und Konsumausmaß

Die Befürworter einer Cannabislegalisierung appellieren, dass die infolge einer Legalisierung eingesparten Mittel im Bereich der Strafverfolgung weit sinnvoller in der Prävention einzusetzen seien als für polizeiliche und richterliche Aufwendungen im Zusammenhang mit Cannabisdelikten. Dieser Argumentation ist unter Hinzuziehung der Erkenntnisse der Präventionsforschung zu entgegnen, dass bei der Begrenzung des Substanzmissbrauchs im Kindes- und Jugendalter die deutlichen Effekte der Angebotsreduzierung den eher kleinen Effekten der (Verhaltens-) Prävention gegenüber stehen (vgl. Barbor et al., 2010; Bühler u. Thrul, 2013; Toumbourou et al., 2007).

Das beste aktuelle Beispiel geben die stark rückläufigen Einstiegsquoten beim Tabakrauchen ab. In der letzten Dekade halbierte sich in Deutschland der Anteil der mit dem Rauchen beginnenden Kinder im Alter zwischen 12 und 13 Jahren. Dieser Erfolg ist vor allem auf gesetzgeberische Maßnahmen zurückzuführen (Nichtraucherschutzgesetz, Rauchverbot für Kinder und Jugendliche in der Öffentlichkeit, Rauchverbot in der Schule, Abgabeverbot von Tabakwaren an Minderjährige, Reduktion der Zahl an Zigarettenautomaten, Ausweispflicht für Zigarettenautomaten, Preiserhöhungen durch höhere Besteuerung von Tabakwaren). Zeitgleich hat sich in wissenschaftlichen Studien der Nutzen vieler verhaltenspräventiver Maßnahmen für gefährdete Kinder und Jugendliche als wenig zielführend erwiesen (Aufklärung, Abschreckung, Kampagnen, Frühinterventionen und Rauchstoppkurse für Jugendliche)2.

Die großen Erfolge durch die Tabakrestriktion haben in den letzten Jahren nun auch Forderungen nach einer stärkeren gesetzlichen Regulierung bei der Abgabe alkoholhaltiger Getränke laut werden lassen. In diesem Zusammenhang gelten die skandinavischen Länder als vorbildlich. Geringe Ladendichte, eingeschränkte Öffnungszeiten und sehr hohe Preisgestaltung gehen mit deutlich geringeren Quoten riskanten Alkoholgebrauchs bei Kindern und Jugendlichen einher als im europäischen Durchschnitt.

Trotz aller Erfolge in der Tabakkontrolle liegen bei Kindern und Jugendlichen die Konsumquoten bei den legalen Substanzen deutlich höher als bei den illegalen Substanzen. Das gilt sowohl für aktuellen Konsum wie auch für die besonders gesundheitsgefährdenden regelmäßigen Konsumformen. Vergleicht man die Zahl der in Deutschland riskant Alkohol konsumierenden und regelmäßig rauchenden Jugendlichen mit der Zahl regelmäßig Cannabis konsumierender Jugendlicher, so liegen die Quoten riskanten Alkoholgebrauchs etwa 400 % höher und die Quoten regelmäßigen Rauchens etwa 1000 % höher als bei regelmäßigem Cannabisgebrauch (vgl. Orth u. Töppich, 2014). Dieser Unterschied in den Konsumprävalenzen zugunsten niedriger Raten beim regelmäßigen Cannabisgebrauch dürfte unter anderem auch ein Effekt der Angebotsreduzierung auf der Grundlage des BtMG sein und droht verloren zu gehen, wenn Cannabis mit Alkohol und Tabak gesetzgeberisch gleichgesetzt werden würde.

Die Befürworter einer Cannabislegalisierung plädieren dafür, den Cannabisgebrauch speziell von Jugendlichen über das Jugendschutzgesetz zu regulieren. Dass sich jedoch das Jugendschutzgesetz hinsichtlich einer Beschränkung des Substanzmissbrauchs als wenig effektiv erweist, zeigt sich am Beispiel der mangelhaften Durchsetzung des § 9 JuSchG. Mit dem Ziel, die Einhaltung der Regelung des Jugendschutzgesetzes zu überprüfen, wurden in den vergangenen Jahren in zahlreichen Städten, Kommunen und Gemeinden Deutschlands regelmäßig jugendliche Testkäufer in das Feld geschickt, um zu testen, ob in den Verkaufsstellen für Alkohol die Jugendschutzbestimmungen eingehalten werden. Der Hintergrund für diese Maßnahmen sind die kontinuierlich steigenden Zahlen Minderjähriger, die aufgrund einer Alkoholvergiftung in Krankenhäuser eingewiesen werden. Begleitet werden die Testkäufer in aller Regel von Vertretern des Ordnungsamtes und der Polizei.

Die Ergebnisse der Testkäufe sind ganz überwiegend unerfreulich. Verstöße werden in einer Größenordnung in bis zu 75 % der Fälle angegeben. Häufig stellt sich heraus, dass es von der persönlichen Einstellung des Verkaufspersonals abhängt, ob im Zweifelsfall der Personalausweis vorgezeigt werden muss. Die Verkäufer geben nicht selten an, die genauen Bestimmungen nicht zu kennen oder sich nicht getraut zu haben, nach dem Ausweis zu fragen.

Es wird von den Befürwortern einer Cannabislegalisierung behauptet, dass der illegale Status von Cannabis sowie die Kriminalisierung der Konsumenten die Präventionsmaßnahmen im Allgemeinen und die Hilfestellung im Speziellen behinderten. Das Prinzip „Abschreckung durch Illegalität“ sei nicht nur wirkungslos, sondern kontraproduktiv. Dem ist entgegenzuhalten, dass sich der Leitgedanke des BtMG nicht auf die „Abschreckung durch die Illegalität“ einer Substanz richtet. Vielmehr wird mit dem BtMG eine Rechtsgrundlage geschaffen, um unter anderem Erzeugung, Handel und Abgabe von nicht verkehrsfähigen Substanzen zu regeln und damit einen Beitrag zur Angebotsreduzierung zu leisten. Zudem richtet sich das BtMG an einem 4-Säulen-Konzept aus, das der Angebotsreduzierung die Prävention, Hilfestellung und Schadensminimierung an die Seite stellt. Mit § 31 a BtMG ist eine Rechtsgrundlage geschaffen, welche die Einstellung der Strafverfolgung bei Vorliegen einer geringen Menge regelt. Davon abgesehen, birgt der Kontakt mit der Justiz in Einzelfällen die Chance für eine Kontaktaufnahme mit den Betroffenen. Es können Hilfen angeboten und die Motivation zur Verhaltensänderung gefördert werden. Eine nicht unerhebliche Zahl der Patienten mit cannabisbezogenen Störungen gelangt auf diesem Weg in das Suchthilfesystem zur längerfristigen Behandlung.

 

Verschränkung von Maßnahmen der Angebotsreduzierung und der Prävention

Durch eine sinnvolle Verschränkung von Maßnahmen der Angebotsreduzierung mit verhaltenspräventiven und ausstiegsorientierten Maßnahmen lässt sich der Cannabisgebrauch bei Kindern und Jugendlichen reduzieren. Das Mehrsäulen-Konzept Angebotsreduzierung / Prävention / Hilfestellung / Schadensminimierung hat sich in Deutschland bewährt.

Es wurde bereits gezeigt, dass verhältnispräventive Maßnahmen, denen restriktive Gesetze und Verordnungen zuzuordnen sind, grundsätzlich eine hohe Wirksamkeit bei der Begrenzung des Substanzmissbrauchs im Kindes- und Jugendalter haben. Diese erwünschten Effekte können durch ergänzende Maßnahmen zur Nachfragereduzierung, also beispielsweise mit verhaltenspräventiven Ansätzen in den Handlungsfeldern Familie, Freundeskreis, Schule und Gemeinde weiter vergrößert werden (vgl. Übersicht bei Bühler u. Thrul, 2013).

Eine Analyse der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EBDD) zeigt, dass die entsprechenden Mittel in Deutschland in diesem Sinne verwendet werden. Die Spanne aller öffentlicher Ausgaben im Drogenbereich erstreckt sich nach Schätzwerten der Recherche in 16 europäischen Ländern von 0,01 % bis 0,5 % des jeweiligen Bruttoinlandprodukts (BIP) (EBDD, 2014). Eine Aufschlüsselung der Ausgaben in Maßnahmen zur Nachfragereduzierung und Maßnahmen zur Angebotsreduzierung ergibt, dass in Deutschland mit einem Anteil von etwa 65 % der Gesamtausgaben der Großteil der Mittel in Maßnahmen zur Nachfragereduzierung investiert wird. Damit gehört Deutschland (gemeinsam mit den Niederlanden, Zypern, Ungarn, Schweden und Kroatien) zu jenen 6 europäischen Ländern, die den überwiegenden Teil ihrer Mittel für Maßnahmen zur Nachfragereduzierung einsetzen. Demgegenüber wenden Italien, Portugal, Frankreich und Lettland den größten Teil ihrer Ausgaben für Maßnahmen zur Senkung des Angebots auf.

Epidemiologische Bevölkerungsstudien weisen seit dem Jahr 2006 auf einen kontinuierlichen Rückgang des experimentellen und gelegentlichen Cannabiskonsums durch junge Menschen hin. Vor diesem Hintergrund ist festzustellen, dass in Deutschland die derzeitigen Vorschriften des Betäubungsmittelgesetzes (BtMG) mit verschiedenen Maßnahmen in Bereichen der Cannabisprävention und Ausstiegshilfen (Beratung, Akutbehandlung, Postakutbehandlung, Nachsorge) Synergie entfalten und sich im erwünschten Sinne auswirken.

 

Fazit

Aus Sicht der kinder- und jugendpsychiatrischen Fachgesellschaft und der Fachverbände wäre die Legalisierung von Cannabis ein Schritt in die falsche Richtung. Sie würde den generalpräventiven Effekt des BtMG aufs Spiel setzen und zugleich den erfolgreichen drogenpolitischen Kurs in der Angebots- und Nachfragereduzierung von Cannabisprodukten bei jungen Menschen konterkarieren. Die Legalisierung des Cannabisgebrauchs würde vor allem die Gruppe der sozial benachteiligten Kinder und Jugendlichen hart treffen und damit die Chancenungleichheit beim Aufwachsen in unserer Gesellschaft befördern.

 

1  Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird in der Stellungnahme die männliche Form verwendet, das weibliche Geschlecht ist
   dabei immer mit einbezogen.
2 Der Nutzen dieser Maßnahmen ist für weite Bevölkerungskreise dennoch unbestritten hoch.

 

Berlin, 23.11.2015

Prof. Dr. med. Jörg M. Fegert
Präsident DGKJP

Dr. med. Gundolf Berg
Vorsitzender BKJPP

Dr. med. Martin Jung
Komm. Vorsitzender BAG KJPP

Prof. Dr. med. Rainier Thomasius
Vorsitzender der Gemeinsamen Suchtkommission

 

Download: Gemeinsame Stellungnahme zur Legalisierungsdebatte des nicht-medizinischen Cannabiskonsums