FAQ

Übersicht:

1. Woran erkenne ich, ob ich für mein Kind die richtige Abteilung oder Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie gefunden habe? 20 Punkte-Checkliste für Eltern

2. Wird ADHS zu häufig diagnostiziert? Wird Methylphenidat zu häufig verschrieben?

3. Stiftung "Achtung! Kinderseele" und der Verein zur Förderung der Stiftung "Achtung! Kinderseele" e.V.

4. Möglichkeiten und Grenzen von Stellungnahmen und Gutachten durch Ärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie

 


Woran erkenne ich, ob ich für mein Kind die richtige Abteilung oder Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie gefunden habe? 20 Punkte - Checkliste für Eltern [1]

1. Derjenige mit dem Sie zuerst Kontakt haben – egal ob Arzt, Psychologe, Sozialarbeiter, Sekretärin, Arzthelferin – nimmt Sie freundlich auf und hört Ihnen zu. Er oder sie (im Folgenden wird die männliche Variante gewählt) „weiß“ nicht sofort, was Sache ist oder was richtig oder falsch ist für Ihr Kind, sondern legt vielmehr Wert auf Ihre Sicht der Dinge.  Daneben legt er auch Wert auf die Sicht Ihres Kindes und nimmt diese genauso ernst.

2. Über die Diagnose und alle Schritte der Behandlung werden Sie aufgeklärt. Für die Aufklärung z. B. über eine ggf. notwendige Pharmakotherapie ist ausreichend Zeit eingeräumt, so dass Sie alle Fragen stellen können. Ihnen wird auch eine Bedenkzeit eingeräumt, bevor Sie in die Behandlung einwilligen (eine „informierte Einwilligung“). Auch Ihr Kind ist angemessen einbezogen und informiert.

3. Die Behandelnden sprechen in regelmäßigen Abständen mit Ihnen über den Behandlungsverlauf. Ihre eigenen Ideen sind auch in diesen weiteren Gesprächen in der Klinik willkommen. Über die Einzeltherapie Ihres Kindes wird allerdings die erforderliche Schweigepflicht gewahrt und Ihr Kind erfährt aus Sitzungen mit Ihnen als Eltern allein ebenfalls nur das, von dem Sie möchten, dass es mitgeteilt wird.

Sofern Ihr Kind stationär aufgenommen werden muss:

4. Die Kinder und Jugendlichen haben auf der Station genügend Bewegungsraum und genügend Beschäftigung. Auch für eigene Ideen stehen Raum und Zeit zur Verfügung, das heißt aber nicht, dass nie Langeweile aufkommt. Die Selbständigkeit Ihres Kindes wird angeregt. Das Essen schmeckt Ihrem Kind, es wird gemeinsam gegessen und auch manchmal gekocht. Es gibt ein Freizeitprogramm und die Kinder die länger da sind haben Ausgang, sofern Ärzte und Therapeuten das verantworten können und die Kinder alt genug sind.

5. Da an den Wochenenden häufig Kinder zur sogenannten „Belastungserprobung“ oder  „Realitätsüberprüfung“ zu Hause sind, ist natürlich auf der Station nicht so viel los wie sonst, aber es gibt auch an den Wochenenden genug Beschäftigungsmöglichkeiten und die Chance, dass einzelne Mitarbeiter sich gezielt mit Ihrem Kind und Ihnen zusammensetzen.

6. Es gibt Einzel- und Zweibettzimmer auf der Station und nur in Ausnahmefällen mehr Patienten in einem Zimmer. Der Privatbereich für eigene Sachen wird respektiert und es gibt eine Möglichkeit eigenes unterzubringen. Sofern etwas wegkommt gibt sich das Stationsteam Mühe es wiederzufinden oder den Verlust aufzuklären.

7. Sie sind auch darüber informiert worden, ob und in welchem Umfang auf der Station Zwangsmaßnahmen stattfinden können. Wenn bei Ihrem Kind eine Situation eintritt, in der Zwang angewendet werden muss, sind Sie sicher dass Sie umgehend informiert werden, auch des Nachts.

8. Die Mitarbeiter auf der Station haben Sie freundlich empfangen und stehen für Fragen zur Verfügung, auch dann wenn Ihr Kind gerade mal nicht mit Ihnen reden will. Die ggf. notwendige Begrenzung von Telefon- und Besuchskontakten wurde Ihnen ausreichend erklärt.

9. Ihr Kind hat wie jedes Kind eine Bezugsperson im Pflege- und Erziehungsdienst, die Ihr Kind gut kennt, für es da ist und für es einsteht. Die Bezugsperson ist auch Bezugsperson für Sie als Eltern. Wenn die Bezugsperson in Urlaub geht, gibt es eine Vertretungsperson die diese Arbeit genau so übernimmt. Es liegt kaum ein Kind im Bett, außer bei echter körperlicher Krankheit. Es gibt einen klaren Tagesablauf, der so ist wie zu Hause. Kinder und Jugendliche nehmen Pflichten für die Gemeinschaft wahr. Regeln werden eingehalten – und zwar von den Mitarbeitern und auch von den Patienten. Wenn Mitarbeiter sich mal im Ton vergriffen haben, was auch vorkommen kann, dann entschuldigen sie sich. Gewalt kommt auf der Station nicht in einer Form vor, dass Angst entsteht. Wenn Ihr Kind Ihnen von einer Isolierung oder Fixierung eines Mitpatienten berichtet, sind die Mitarbeiter ruhig und sachlich damit umgegangen. Man kann darüber sprechen, was die Kinder dabei bewegt.

10. Ihr Kind hat wie jeder Patient auch einen Bezugstherapeuten. Der Bezugstherapeut ist die erste Ansprechperson für Sie als Eltern. Wenn der Bezugstherapeut in Urlaub geht, gibt es eine Vertretungsperson, die diese Arbeit genau so übernimmt, was Ihnen auch mitgeteilt wird. Im besonderen Fall wird die Urlaubszeit für eigenständige therapeutische Aufgaben Ihres Kindes genutzt, jedoch hat das Kind immer einen therapeutischen Ansprechpartner.

11. Sofern Sie eine Wartezeit hatten vor einer stationären Aufnahme, hat jemand aus der Klinik Kontakt zu Ihnen gehalten und Sie konnten Ihre Fragen loswerden. Sie konnten vorher die Station besichtigen, sodass Sie und Ihr Kind sich vorstellen konnten, wohin es gehen wird.

12. Es gibt eine Klinikschule und Sie können auch mit den dortigen Lehrern sprechen. (Allerdings gibt es einige Bundesländer, die meinen, dass man Klinikschulen nicht braucht, dafür kann dann die Klinik nichts) Die Klinik veranstaltet in den Schulferien ein Freizeitprogramm, so dass auch Ihr Kind ein bisschen „Feriengefühl“ bekommt.

13. Die Klinik ermutigt Sie, die Behandlung Ihres Kindes auch in der Verwandtschaft und in der Schule mitzuteilen. Nicht nur, weil die Klinik von der eigenen Qualität überzeugt ist, sondern auch, weil die Behandlungsergebnisse besser werden wenn man dazu steht. Die Klinik hält sich an den Behandlungsplan. Der wird monatlich neu besprochen und Ihnen auch mitgeteilt zur „informierten Einwilligung“.

14. Sofern Sie mit etwas nicht einverstanden sind oder etwas nicht verstanden haben, fühlen Sie sich frei zu fragen. Kritik wird als Kooperation und als Engagement gewertet und deshalb geschätzt. Es gibt eine Beschwerdestelle in der Klinik und einen Patientenfürsprecher. Sofern Sie oder Ihr Kind sich beschweren möchten, wissen Sie über die Wege Bescheid, man hat sie darüber informiert oder es gibt einen entsprechenden Aushang. Der Oberarzt bzw. Chefarzt ist für Ihre kritischen Anliegen offen und gibt Ihnen einen Termin wenn Sie darum bitten.

15. Vor der Entlassung haben Sie mit den Behandelnden eine Planung erstellt wie es weitergehen kann und wo zukünftig weitere Hilfen herkommen können. Bei Kontakten mit anderen Therapeuten oder dem Jugendamt wurde nichts hinter Ihrem Rücken und nichts ohne Schweigepflichtsentbindung besprochen (auch wenn in Ausnahmefällen eine Mitteilung aufgrund des Kinderschutzgesetzes erfolgen muss, wenn ein Kind massiv gefährdet ist und die Eltern nicht zur Abhilfe beitragen wollen oder können, werden die Eltern darüber vorab informiert). Es wird jeweils gegenüber Jugendamt oder Schule Ihr Anliegen unterstützt.

16. Die Klinik steht zu ihrer Pflichtversorgung, d. h. jeder, der in einem definierten Einzugsgebiet notfallmäßig Hilfe braucht, bekommt diese auch, so dass Sie ganz sicher sein können, dass auch Sie im Problemfall Unterstützung erhalten.

17. Die Klinik hat eine Homepage im Internet und dort kann man einen „Qualitätsbericht“ nachlesen. Darin steht z. B., wie viele Fachkräfte in der Abteilung arbeiten und dass die Klinik evtl. eine Zertifizierung zur Qualitätssicherung erhalten hat – dann können Sie sicher sein, dass man sich dort übergreifende Gedanken um die Abläufe und die Ergebnisse der Arbeit macht. Sie wissen anhand dieser Informationen, dass die Klinik das Personal weiterbildet und sich um die ständige Verbesserung der Behandlung bemüht.

18. Die Klinik ist bei Ihrem Haus- oder Kinderarzt bekannt und Sie hören auch von regelmäßigen gemeinsamen fachlichen Treffen oder Tagungen.

19. Der Klinikaufenthalt ihres Kindes wird dokumentiert (Tests, Diagnose, Behandlung, besondere Ereignisse usw.). Sofern Sie es wünschen erhalten Sie gemäß des Patientenrechtegesetzes Akteneinsicht (hiervon ausgenommen sind jedoch die Einzeltherapien ihres Kindes wegen der damit verbundenen Schweigepflicht). Sie erhalten auf Wunsch oder routinemäßig eine Kopie des Entlassberichtes.

20. Für eine Kontinuität der Behandlung ist dadurch gesorgt, dass entweder einer der bekannten Therapeuten weiter zur Verfügung steht oder eine „therapeutische Übergabe“ an die Institutsambulanz oder einen Niedergelassenen erfolgt. Möglichst viele dieser Kriterien sollten zutreffen!

]1] „Eltern“ hier synonym gebraucht für die für das Kind / den Jugendlichen verantwortlichen Personen


Wird ADHS zu häufig diagnostiziert? Wird Methylphenidat zu häufig verschrieben?

Bei der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivität-Störung (ADHS) handelt es sich um eine in der Kindheit beginnende psychische Störung, die durch die Symptome Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität gekennzeichnet ist. Nach internationalen Studien liegt die epidemiologische Häufigkeit von ADHS (d. h. das Vorkommen in der Bevölkerung) bei Kindern und Jugendlichen bei rund 5%, wobei im Kindesalter höhere Prävalenzen (wie viele sind betroffen) als bei Jugendlichen festgestellt werden und bei Jungen rund dreimal häufiger die Diagnose gestellt wird. Noch höher ist die Zahl der Kinder, die eine weniger starke Symptomausprägung haben. Epidemiologische Studien in Deutschland kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Systematische Metaanalysen (d. h. ein zusammenfassender Blick auf viele Studien gleichzeitig; Polanczyk et al., 2007, 2014) haben gezeigt, dass die Häufigkeitsunterschiede epidemiologischer Studien im Wesentlichen auf Unterschiede der angewandten Diagnosekriterien (DSM-IV oder ICD-10 – US oder internationales System), Erhebungsverfahren (klinische Diagnose, Fragebogen, strukturierte Interviews) und der untersuchten Altersgruppe zurückgeführt werden können. Bei Anwendung identischer standardisierter diagnostischer Kriterien gibt es keinen Hinweis für eine Zunahme der Störung in der Bevölkerung in den letzten drei Jahrzehnten.

In den vergangenen Jahren fanden nationale und internationale Studien jedoch weltweit zum Teil erhebliche Zunahmen der administrativen Prävalenzen (Diagnosehäufigkeiten in verschiedenen Körperschaften) und der Verordnungszahlen von Medikamenten zur Behandlung von ADHS bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. So berichtet etwa eine 2014 publizierte US-amerikanische Studie von Visser und Kollegen (2014) für den Zeitraum zwischen 2003 und 2011 eine Steigerungsrate von 42% für die Häufigkeit von den Eltern berichteter ADHS-Diagnosen ihrer Kinder im Alter von 4 -17 Jahren sowie eine Zunahme der Häufigkeit medikamentöser Behandlungen um 28% von 2007 bis 2011.

Zahlen aus den Diagnosestatistiken von gesetzlichen Krankenkassen legen auf den ersten Blick eine vergleichbare Entwicklung für Deutschland nahe. So errechnete der Barmer GEK Arztreport von 2013, der das ambulant-ärztliche Versorgungsgeschehen in den Jahren 2006 bis 2011 untersuchte, eine aus der Versichertenstichprobe auf die Bevölkerung hochgerechnete Zunahme der Diagnosehäufigkeit von 49% für Kinder und Jugendliche im Alter von 0 bis 19 Jahren. Schubert und Kollegen (2010) fanden in der Analyse eines Datensatzes der AOK Hessen im Jahr 2007 bei Kindern und Jugendlichen im Alter bis 18 Jahre gegenüber 2000 eine Steigerung der Diagnosehäufigkeit von 45% und eine Zunahme der Verordnungen von Methylphenidat um 96%. Die deutlichen Steigerungsraten werden in der Öffentlichkeit mitunter als Beleg für eine Überdiagnostizierung von ADHS und Überverschreibung einer medikamentösen Therapie interpretiert.

Eine Schlussfolgerung aufgrund dieser prozentualen Steigerungsraten allein ist allerdings irreführend. Aussagekräftiger sind eine Betrachtung der absoluten Zahlen und der Vergleich der administrativen und epidemiologischen Prävalenzzahlen:

  • Den Daten der Barmer GEK (2013) zufolge hat die Diagnoserate für ADHS von 2,9% im Jahr 2006 auf 4,1% im Jahr 2011 zugenommen. Die im Barmer-GEK-Report berichteten Verordnungsraten, nach denen etwa 2% der Kinder und Jugendlichen im Alter von 0 bis 19 mindestens eine ADHS-spezifische Arzneimittelverordnung erhielten, liegen deutlich unter den ermittelten Diagnoseraten von etwa 4%.
  • Der Anteil der kontinuierlich Behandelten wird in dem Report nicht angegeben, liegt aber nach anderen Studien erheblich unter dem Anteil der Patienten mit einer Verordnung pro Jahr. So zeigten etwa Schubert und Kollegen, dass etwa die Hälfte der Patienten nach 280 Tagen keine Medikamente mehr erhielten und nur ein geringer Anteil der Patienten mit einer empfohlenen Tagesdosis über einen längeren Zeitraum behandelt wurde (Schubert et al., 2003).
  • Übereinstimmend fanden Lindemann und Kollegen (2012) auf der Basis von Versichertendaten für das Jahr 2005 eine administrative ADHS-Prävalenz von 2,5 % für die Altersspanne von 3 bis 17 Jahren. Im gleichen Datensatz ermittelten Garbe et al. (2012) für den Zeitraum zwischen 2005 und 2009 einen Anteil von 52% der diagnostizierten Patienten mit mindestens einer ADHS-spezifischen Arzneimittelverordnung. Etwa 20% der Patienten beendete die medikamentöse Behandlung innerhalb der ersten 6 Monate; 12 bzw. 24 Monate nach Behandlungsbeginn hatten 43,4% bzw. 66,3% der Mädchen und 36,1% bzw. 54,1% der Jungen die medikamentöse Therapie beendet.
  • Nach den Daten der Versichertenstichprobe der AOK Hessen wurden im Jahr 2007 2,2% der unter 18-Jährigen (gegenüber 1,5% im Jahr 2000) aufgrund der Diagnose einer hyperkinetischen Störung behandelt (Schubert et al., 2010). Etwa die Hälfte der Betroffenen (1,1%) erhielt 2007 mindestens eine Verordnung von Methylphenidat.
  • Die Ergebnisse der bundesweit repräsentativen Studie KiGGS-Welle 1 (2009-2012) des Robert Koch-Instituts, welche die Lebenszeitprävalenz von elternberichteten ADHS-Diagnosen ihrer Kinder im Alter von 3 bis 17 Jahren und deren zeitlichen Trend im Vergleich zur KiGGS-Basiserhebung (2003-2006) untersuchte, zeigen im Gegensatz zu den aus den Krankenkassendaten berichteten Zunahmen der ADHS-Diagnosehäufigkeit keine signifikanten (d.h. wissenschaftlich belegbaren) Veränderungen der Diagnosehäufigkeit für ADHS (Schlack et al., 2014). In dieser Folgestudie gaben, wie in der Basiserhebung, etwa 5,0 % der Eltern von 3- bis 17-jährigen Kindern und Jugendlichen an, dass ihr Kind jemals eine ADHS-Diagnose durch einen Arzt oder einen Psychologen erhalten hat. Die von den Eltern berichtete medikamentöse Behandlungsprävalenz mit ADHS-Medikamenten lag bei Kindern und Jugendlichen im Alter von 3 bis 17 Jahren im Rahmen der KiGGS-Basiserhebung bei 0,9% (Knopf et al., 2012).
  • Anders als in Deutschland stellt sich die Situation in den USA dar. Dort liegen die administrativen Prävalenzzahlen nach neueren Untersuchungen (Visser et al., 2014) erheblich über den in Deutschland und Europa gefundenen Zahlen. Im Jahr 2011 wurde bei 8,8% aller Kindern und Jugendlichen im Alter zwischen 4 und 17 Jahren die Diagnose ADHS gestellt; die Lebenszeitprävalenz lag bei etwa 11%. Etwa 70% der diagnostizierten Kinder und Jugendlichen (6,1%) wurden mit ADHS-Medikamenten behandelt.

Fazit:

Im internationalen Vergleich liegen die Diagnoseraten für ADHS in Deutschland nach den vorliegenden Daten eher im Mittelfeld. Zwar hat auch in Deutschland die Häufigkeit von ADHS-Diagnosen in der klinischen Versorgung im letzten Jahrzehnt erheblich zugenommen, jedoch überschreiten die  administrativen Diagnosehäufigkeiten nicht die in systematischen epidemiologischen Studien gefundenen Prävalenzraten, so dass diese Zahlen keine generelle Überdiagnostizierung belegen.

Nach den vorliegenden Daten erhalten etwa 50% der diagnostizierten Kinder und Jugendlichen eine medikamentöse Therapie (mindestens eine Verordnung in einem Jahr), was im Einklang mit den Leitlinien liegen kann, die erst einmal andere, nicht medikamentöse Behandlungsmöglichkeiten auszuschöpfen empfehlen. Dabei scheint sich der Anstieg der verordneten Tagesdosen in den letzten Jahren in Deutschland abzuschwächen (bis 2010) und war zuletzt rückläufig. Die Prävalenz medikamentöser Behandlungen von Kindern und Jugendlichen mit ADHS in Deutschland liegt deutlich unter den Zahlen, die in den USA gefunden werden, und ist vergleichbar mit den Behandlungsprävalenzen in den Niederlanden und anderen westeuropäischen Ländern.

Es ist allerdings zu vermuten, dass in der klinischen Routineversorgung ein gewisser Anteil von Fehldiagnosen auftritt, wobei sowohl Überdiagnostizierung (d. h. ein Patient erhält fälschlicherweise die Diagnose) als auch Unterdiagnostizierung (d. h. ein Patient erhält fälschlicherweise die Diagnose nicht) vorkommen können. Genauere Aussagen wären nur anhand von wissenschaftlichen Studien möglich, in denen die in der klinischen Routineversorgung gestellten Diagnosen bei jedem Kind überprüft und den systematischen Erhebungen gegenübergestellt werden. Solche Studien sind für Deutschland dringend geboten.  Ebenso kann aufgrund der vorliegenden Daten nicht bestimmt werden, wie hoch der Anteil der medikamentös behandelten Patienten ist, bei denen eine Pharmakotherapie verzichtbar wäre und wie hoch der Anteil der medikamentös nicht behandelten Patienten ist, bei denen eine Pharmakotherapie geboten wäre.

 

Literatur:

Garbe, E., Mikolajczyk, R. T., Banaschewski, T., Petermann, U., Petermann, F., Kraut, A. A., & Langner, I. (2012). Drug treatment patterns of attention-deficit/hyperactivity disorder in children and adolescents in Germany: results from a large population-based cohort study. J Child Adolesc Psychopharmacol, 22(6), 452-458. doi: 10.1089/cap.2012.0022

GEK B (2013) Barmer GEK Arztreport 2013. Schwerpunkt: ADHS. Asgard, Siegburg

Knopf, H., Hölling, H., Huss, M., & Schlack, R. (2012). Prevalence, determinants and spectrum of attention-deficit hyperactivity disorder (ADHD) medication of children and adolescents in Germany: results of the German Health Interview and Examination Survey (KiGGS). BMJ Open, 2(6). doi: 10.1136/bmjopen-2011-000477

Lindemann, C., Langner, I., Kraut, A. A., Banaschewski, T., Schad-Hansjosten, T., Petermann, U., . . . Mikolajczyk, R. T. (2012). Age-specific prevalence, incidence of new diagnoses, and drug treatment of attention-deficit/hyperactivity disorder in Germany. J Child Adolesc Psychopharmacol, 22(4), 307-314. doi: 10.1089/cap.2011.0064

Polanczyk, G., de Lima, M. S., Horta, B. L., Biederman, J., & Rohde, L. A. (2007). The worldwide prevalence of ADHD: a systematic review and metaregression analysis. Am J Psychiatry, 164(6), 942-948. doi: 10.1176/appi.ajp.164.6.942

Polanczyk, G. V., Willcutt, E. G., Salum, G. A., Kieling, C., & Rohde, L. A. (2014). ADHD prevalence estimates across three decades: an updated systematic review and meta-regression analysis. Int J Epidemiol, 43(2), 434-442. doi: 10.1093/ije/dyt261

Schlack, R., Mauz, E., Hebebrand, J., Hölling, H., & Ki, G. G. S. S. G. (2014). Hat die Häufigkeit elternberichteter Diagnosen einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) in Deutschland zwischen 2003-2006 und 2009-2012 zugenommen?: Ergebnisse der KiGGS-Studie - Erste Folgebefragung (KiGGS Welle 1). Bundesgesundheitsblatt Gesundheitsforschung Gesundheitsschutz, 57(7), 820-829. doi: 10.1007/s00103-014-1983-7

Schubert, M. T., Herle, M., & Wurst, E. (2003).  ICD-10 Diagnostik und Lebensqualität. Pilotstudie zur Lebensqualität psychisch auffälliger Kinder und Jugendlicher. Z Kinder Jugendpsychiatr Psychother, 31(4), 285-291.

Schubert, I., Koster, I., & Lehmkuhl, G. (2010). The changing prevalence of attention-deficit/hyperactivity disorder and methylphenidate prescriptions: a study of data from a random sample of insurees of the AOK Health Insurance Company in the German State of Hesse, 2000-2007. Dtsch Arztebl Int, 107(36), 615-621. doi: 10.3238/arztebl.2010.0615

Visser, S. N., Danielson, M. L., Bitsko, R. H., Holbrook, J. R., Kogan, M. D., Ghandour, R. M., . . . Blumberg, S. J. (2014). Trends in the parent-report of health care provider-diagnosed and medicated attention-deficit/hyperactivity disorder: United States, 2003-2011. J Am Acad Child Adolesc Psychiatry, 53(1), 34-46 e32. doi: 10.1016/j.jaac.2013.09.001


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Stiftung „Achtung! Kinderseele“ und der Verein
zur Förderung der Stiftung „Achtung! Kinderseele“ e.V.

Die DGKJP hat unter Beteiligung der beiden anderen kinder- und jugendpsychiatrischen Verbände (BAG und BKJPP) im Jahr 2009 die Stiftung „Achtung!Kinderseele“ aufgebaut. Die Stiftung setzt sich bundesweit für die seelische Gesundheit von Kindern ein. Zur Vorbeugung und Früherkennung spielen Aufklärung der Bevölkerung und Vernetzung von Akteuren eine wichtige Rolle. Ein erster Schritt wurde durch die Entwicklung eines Fachpatenprogrammes für Kitas beschritten.

Im Jahr 2014 konnte die Stiftung ihre Aktivitäten ausweiten. Insbesondere das Fachpatenprogramm für Kitas wurde ausgebaut: Inzwischen sind  Paten in ganz Deutschland ehrenamtlich für Kitas ansprechbar. Wie in Patentreffen am Rande des DGKJP Kongresses berichtet, erstreckt sich die Patenschaft sehr individuell von Vorträgen für Eltern bis hin zur Supervision der Mitarbeiter bei Kindern oder Familien mit Problemen. Insgesamt gab es ein sehr gutes Feedback über die Patentätigkeit.

Am 23.05.2013 trafen sich die Stiftungsgremien der Stiftung mit Frau Bundesministerin Dr. Ursula von der Leyen. Sie wies in ihrer Funktion als Schirmherrin der Stiftung „Achtung! Kinderseele“ darauf hin, wie wichtig es für die Gesellschaft sei, dass Kinder und Jugendliche seelisch gesund aufwachsen. Es lohne sich, sagt sie, früh hinzuschauen und zu helfen. Denn für Erwachsene sei der Weg zurück zu einer gesunden Psyche ungleich mühsamer und steiniger.

Der Vorsitzende der Stiftung „Achtung! Kinderseele“ Prof. Dr. Gerd Lehmkuhl betonte, dass Selbstwert und Wohlbefinden von Kindern und emotionale Geborgenheit Aufgaben sind, die viele angehen.

Erfahrungen von Mobbing oder Bullying, z.B. in der Schule, oder Belastungen im Kontext der neuen Medien (z.B. Cyberbullying) belasten Kinder emotional, machen traurig und isolieren. Eltern, Mütter und Väter benötigen hier Ermutigung und Unterstützung damit die Widerstandskraft gegenüber emotionalen Belastungen gefördert werden kann.

Die Stiftung „Achtung! Kinderseele“ entwickelt derzeit ein weiteres Programm, das auf eine Begleitung von Jugendlichen mit Problemen bei der Berufsintegration abzielt. Ehrenamtliche Ausbildungsbegleiter sollen durch Ansprechpartner im Umgang mit psychischen Belastungen von Azubis unterstützt werden („Alte Meister“).

Das Projekt "Meister von Morgen" ist auf Initiative der Schirmherrin gestartet worden. Bei einer Sitzung des Vorstands der Stiftung, des Fördervereins und der Paten mit der Schirmherrin im Bundesministerium am 23.5.2013 wurde angeregt, in diesem Bereich Stiftungsaktivitäten zu entwickeln. Prof. Fegert, Kuratoriumsvorsitzender der Stiftung, und Prof. Kölch, Vorsitzender des Fördervereins, betonen, dass auch beim Einstieg ins Berufsleben oder in die Ausbildung Durchhaltevermögen, Selbstwert und der Umgang mit emotionalen Belastungen eine entscheidende Rolle spielen.

Es fanden Treffen mit dem Senior Expert Service (SES) statt, der in diesem Gebiet ein guter Vernetzungspartner ist. Ebenfalls ehrenamtlich organisiert, bietet der SES zusammen mit den Spitzenverbänden der deutschen Industrie, des Handwerks und der freien Berufe die Initiative VerA an. VerA wird im Rahmen der Initiative Bildungsketten vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert. Die SES-Ausbildungsbegleiter sind ehrenamtlich tätig, kennen die Sorgen junger Menschen und helfen individuell. Erste Ideen und Gespräche zu möglichen Strukturen der Zusammenarbeit mit der regional organisierten Initiative VerA sind erfolgt und im Laufe des Jahres 2014 möchte die Stiftung das Programm komplettieren, das Aufklärung, Fortbildung und Beratung, sowie Vernetzung von Ausbildungsbegleitern mit Ansprechpartnern im Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie vor Ort beinhaltet.

Organisatorisches:

Der Vorstand der Stiftung Achtung! Kinderseele setzt sich wie folgt zusammen:

  • Prof. Dr. Gerd Lehmkuhl (Vorstandsvorsitzender); Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters der Universität zu Köln
  • Dr. Christa Schaff (Stellvertretende Vorstandsvorsitzende); Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie Weil der Stadt
  • Prof. Dr. Hubertus Adam (Schatzmeister); Chefarzt Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Martin Gropius Krankenhaus in Eberswalde bei Berlin; Professor an der Universität Potsdam
  • Prof. Dr. Hans-Henning Flechtner (Mitglied des Vorstands); Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie (KKJP), Universität Magdeburg
  • Prof. Dr. Michael Kölch (Mitglied des Vorstands); Chefarzt, Kliniken für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik. Vivantes Klinikum im Friedrichshain. Vivantes Klinikum Neukölln
  • Dr. med. Maike Pellarin (Mitglied des Vorstands); Chefärztin, AHG Klinik für Kinder und Jugendliche in Beelitz-Heilstätten

Die Betreuung der Stiftung durch die HST Hanse StiftungsTreuhand in Hamburg hat sich sehr bewährt. Herr RA Schiebold ist zuständiger Geschäftsführer der HST Hanse StiftungsTreuhand. Weitere Informationen dazu finden Sie unter: www.hst-stiftungen.de/index.html

Bei Fragen rund um das KiTa Patenprogramm erreichen Sie die Projektleiterin Frau Cosenza unter (040) 320 8830 25 oder per E-Mail an:Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

 

Verein zur Förderung der Stiftung „Achtung! Kinderseele“ e.V.

Der Verein zur Förderung der Stiftung „Achtung! Kinderseele“ e.V. wurde von Mitgliedern aller drei kinder- und jugendpsychiatrischen Fachgesellschaften (DGKJP, BAG, BKJPP) gegründet. Nachdem die Stiftung „Achtung! Kinderseele“ erfolgreich das Kita-Patenprogramm initiiert hatte, stand die Frage an, wie die Aufgaben der Stiftung auch finanziell sicher auf eine langfristigere Basis gestellt werden können. Der Versand von Patenkoffern, die Koordination des Programms, aber auch die Entwicklung neuer Angebote der Stiftung kosten Geld und bedürfen über das ehrenamtliche Engagement hinaus der Mithilfe von Mitarbeitern in der Stiftung. Insofern war die Idee, über den Förderverein sowohl durch Mitgliedschaften als auch durch die Möglichkeit kleinere Beträge spenden zu können, die Arbeit der Stiftung längerfristig zu sichern und damit die Grundausgaben der Stiftung für die Programme unabhängig von Zustiftungen oder größeren Spendern finanzieren zu können. In 2013 konnte der Förderverein seinen Zweck erfüllen und der Stiftung einen Beitrag überweisen. Aktuell hat der Förderverein knapp 30 Mitglieder, wir werben in den drei Verbänden um Mitglieder, damit die Stiftung aktiv weiterentwickelt werden kann.

Weitere Informationen zum Förderverein und zur Stiftung erhalten Sie unter:
www.achtung-kinderseele.org    und     www.achtung-kinderseele.org/html/foerderverein/foerderverein.html

 


Möglichkeiten und Grenzen von Stellungnahmen und Gutachten durch Ärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie

Ärzte können für Behörden und Gerichte Gutachten und gutachterliche Stellungnahmen erstellen, unter bestimmten Bedingungen sind sie auch dazu verpflichtet. Einfache ärztliche Stellungnahmen für Patienten in laufender Behandlung  sind nicht möglich ohne eine Schweigepflichtsentbindung durch die Sorgeberechtigten oder, bei Patienten die bereits über 18 Jahre alt sind und nicht unter gesetzlicher Betreuung stehen, durch die Patienten selbst. In verschiedenen rechtlichen Bezügen haben Gutachten eine durchaus unterschiedliche Funktion.

1.    Schulrecht

Prinzipiell sind gutachterliche Stellungnahmen hilfreich, um den Lehrern im Schulsystem eine Diagnose mitzuteilen und daraus folgende Schritte zu empfehlen. Bei Lese-Rechtschreibstörungen oder Dyskalkulie ergänzt eine ärztliche Stellungnahme die eigenen Erkenntnisse der Schule (in aller Regel sind durch die Schule definierte Teilleistungsschwächen weiter definiert als die medizinischen, d. h. mit einer medizinischen Stellungnahme entsteht ein Handlungsdruck im Schulsystem). Außer in Bayern sind die Schulsysteme für die Förderung bei TLS zuständig, „Lerntherapie“ ist somit in den meisten Bundesländern keine Krankenkassenleistung, und die Krankenkassen treten nur dann ein, wenn eine zusätzliche psychiatrische Störung infolge der Problematik eingetreten ist.

Eine ärztliche Stellungnahme kann auch einen Nachteilsausgleich anstoßen und begründen (z. B. mehr Zeit bei Klassenarbeiten).

Im Falle von Behinderungen (dazu zählen auch seelische Beeinträchtigungen, z. B. Autismus) kann die Erfordernis eines Inklusionshelfers / Schulbegleiters ärztlich durch eine Stellungnahme unterstützt werden. Das gilt auch für schrittweise Pläne von Wiedereingliederung in die Schule nach schwerer seelischer Krankheit, bei denen ein ärztlicher Vorschlag der Schule wertvolle Hinweise gibt.

Wenig sinnvoll ist das Übergeben langer Entlass- oder Ambulanzberichte an die Schule. Die Berichte verbleiben in der Schulakte und enthalten viele persönliche Informationen über Kind und Eltern. Zielführender ist eine gezielte Stellungnahme zu den Auswirkungen der Probleme auf den Schulalltag mit Vorschlägen für schulische Maßnahmen.

Keinesfalls sinnvoll ist eine „Krankschreibung“ durch einen Arzt bei Schulverweigerung eines Kindes. In aller Regel wird dadurch die zugrundeliegende Störung verfestigt und einer Konfrontation mit der Notwendigkeit einer Veränderung wird ausgewichen.

2.    Jugendhilferecht (SGB VIII)

Jugendhilfemaßnahmen bei eingetretener oder drohender seelischer Behinderung sind an eine ärztliche Diagnosestellung, Einordnung und Empfehlung im Rahmen des § 35a SGB VIII gebunden. Dort muss auch Stellung dazu genommen werden, inwiefern die Beteiligung eines Arztes an der Hilfeplanung (§ 36 SGB VIII) erforderlich ist oder ob von dieser gesetzlichen Soll-Vorschrift abgewichen werden kann. Diese Form der Jugendhilfe ist im Übrigen die einzige, auf die das betroffene Kind einen Rechtsanspruch hat (wohlgemerkt das Kind, nicht die Eltern).

Während in diesem Rahmen klare Vorgaben existieren, was eine Stellungnahme enthalten soll (z. B. auch die Erwähnung, welche anderen, z. B. krankenkassenfinanzierten Leistungen gleichzeitig erfolgen sollten bzw. weiterzuführen sind), gibt es oft auch ärztliche Stellungnahmen im Vorfeld anderer Jugendhilfemaßnahmen, ob ambulant oder stationär, und gemeinsame Helferkonferenzen. Die diesbezüglichen Stellungnahmen sind in aller Regel frei formuliert, sollten sich nach  Schweigepflichtsentbindung dennoch auf die wesentlichen, für die Hilfeleistung erforderlichen Inhalte begrenzen.

Nicht hilfreich sind solche Stellungnahmen im „Durchfechten“ von bestimmten Hilfearten, die betroffene Eltern vielleicht über andere Betroffene kennen oder von denen sie aus anderen Quellen erfahren haben - denn Herr der Entscheidung ist allein das örtlich zuständige Jugendamt.

3.    Unterbringungsrecht

Jedes Bundesland bzw. die meisten Bundesländer haben ein eigenes „Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetz“ oder Unterbringungsgesetz. Für Kinder und Jugendliche hat eine Unterbringung in der Psychiatrie (d. h. eine Aufnahme und Behandlung gegen den Willen des Kindes, ggf. unter geschlossenen / geschützten Bedingungen) nach dem bürgerlichen Recht Vorrang vor einer öffentlich-rechtlichen d. h. wird nur angewendet, wenn Eltern nicht verfügbar sind oder wenn unterschiedliche Auffassungen zwischen Eltern und anderen Beteiligten über die Notwendigkeit der Unterbringung bestehen. Voraussetzung  für die Unterbringung in einer Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und –psychotherapie ist immer eine ärztliche Stellungnahme bzw. ein fachärztliches Gutachten. Dieses muss sich zum Anlass, zur gesundheitlichen Störung sowie zur Art und Dauer der Unterbringung äußern und dazu, inwieweit das Kindeswohl gefährdet ist, und es muss auf einer aktuellen Untersuchung des Kindes beruhen.

Für Unterbringungen in der geschlossenen Jugendhilfe darf auch ein erfahrener Psychologe oder Sozialpädagoge ein Gutachten erstellen, sofern er nicht Mitarbeiter der Institution ist, in der untergebracht werden soll.

In aller Regel erhalten Kinder und Jugendliche laut gesetzlicher Vorschrift einen Verfahrensbeistand bei einer Unterbringung und werden persönlich vom Familienrichter angehört. Sie können auch bei der nächsten Instanz Einspruch einlegen. Spätestens dann ist ein ausführlicheres, fachärztliches Gutachten erforderlich. Oberster Maßstab für eine Unterbringung ist immer das Kindeswohl. Das bedeutet, dass im Rahmen einer Unterbringung alles geschehen sollte, was die Gefährdung des Kindeswohls verringert, z.B. eine Behandlung der Störung.

Nicht sicher äußern kann sich ein Gutachten in einer Unterbringungssituation dazu, ob das betroffene Kind durch die Maßnahme auch sicher wieder gesund wird.

Nicht alle Familienrichter sind der Auffassung, dass man für alle Zwangsmaßnahmen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie eine Genehmigung nach § 1631b BGB benötigt. Hier ist rechtliche Klärung erforderlich und ein Gespräch mit dem Gericht vorab sinnvoll.

Nicht alle Kinder- und Jugendpsychiater und Familiengerichte befürworten Unterbringungen z.B. bei Drogenabhängigkeit oder bei Trebegängertum oder bei Sozialverhaltensstörungen.

4.    Sozialrecht

Gelegentlich sind fachärztliche Begutachtungen erforderlich, um festzustellen, wo die Zuständigkeit im Sozialrecht für die Förderung bei einer bestimmten Problemkonstellation liegt (z.B. zur Frage ob eine körperliche oder geistige Behinderung Vorrang vor einer seelischen hat). Diese Unterscheidung ist dafür essentiell, wer die erforderlichen Leistungen bezahlt (teilweise auch dafür, welche Institution oder welcher Träger sie erbringen darf) und wie groß die Zuzahlungspflicht der Eltern bemessen wird etc.

Nicht behilflich sind Gutachten für die Feststellung einer Leistungspflicht. Dafür wurden Clearingstellen eingerichtet, die bei den Rentenversicherungen angesiedelt sind und die Eltern in problematischen Konstellationen mit mehreren möglichen Leistungserbringern (in der Regel im Rahmen von Rehabilitation) beraten sollen.

5.    Sorgerecht und Umgangsrecht

In aller Regel sind für solche Fragen ausführliche psychologische oder fachärztliche Begutachtungen erforderlich, die einen hohen Aufwand erfordern, da in strittigen Fragen alle Beteiligten angehört und untersucht werden müssen. Hierzu existieren umfangreiche Anhaltspunkte für die Gutachtenqualität seitens der Fachverbände. Besonders bedeutsam ist hier die Neutralität des Gutachters. Dieser kann im übrigen nach der letzten Familienrechtsreform auch therapeutische Interventionen unternehmen, die Familienmitglieder zu einer einmütigen Lösung zu bewegen, sofern das Familiengericht dies angeordnet hat (§ 163 Abs. 2 FamFG)

Nicht hilfreich und in aller Regel vom Familiengericht nicht verwertbar sind Stellungnahmen für Patienten durch den jeweils Behandelnden, die nicht das ganze Familiensystem kennen: z.B. eine positive Bescheinigung über die Erziehungsfähigkeit eines Elternteils nach abgeschlossener Behandlung durch den (Erwachsenen-)Therapeuten; oder eine Bescheinigung des Therapeuten über die Schädlichkeit von Umgangskontakten für das behandelte Kind.

6.    Strafrecht

Fachärztliche Gutachten sollen sich bei Jugendlichen ab 14 Jahren (Strafmündigkeitsalter) zur  Strafreife und zur Einsichts- und Steuerungsfähigkeit zum Tatzeitpunkt äußern, hierfür hat das Gesetz sehr klare Kriterien benannt, und zu Qualitätsmerkmalen der Begutachtung existiert eine umfangreiche Literatur. Bei über 18- bis zu 21-Jährigen wird gelegentlich nach dem Entwicklungsstand gefragt, um zu klären, ob nach §§ 3, 105 JGG Jugendstrafrecht oder Erwachsenenstrafrecht anzuwenden ist.

Nicht hilfreich sind ärztliche Stellungnahmen, die die strafrechtliche Verantwortlichkeit aus Gründen einer Schonhaltung (z. B. zur Vermeidung einer drohenden Jugendstrafe) infrage stellen und gezielt nach „Dekulpierungsgründen“ suchen. Therapeuten sollten sich nicht gleichzeitig als Strafrechtsgutachter äußern (auch hier gibt es in wenigen Einzelfällen begründete Ausnahmen). Innerhalb einer Klinik wird daher in aller Regel eine Arbeitsteilung zwischen Therapie und Begutachtung praktiziert.

7.    Opferentschädigungsrecht und soziales Entschädigungsrecht

Bei Gutachten und gutachterlichen Stellungnahmen zum OEG wird zunächst zur Beeinträchtigung infolge einer durch eine Gewalttat ausgelösten Schädigung Stellung genommen. Das Gutachten soll sich in aller Regel auch dazu äußern, inwiefern eine Kausalbeziehung zwischen Schädigung und Störung vorliegt.

Therapeuten berichten im Rahmen der OEG-Begutachtung nach Schweigepflichtsentbindung über die Fortschritte der Behandlung, erstellen aber nicht selbst Gutachten.

Nicht hilfreich sind Stellungnahmen, die nur den Zweck haben, eine bestimmte Therapieart oder Form zu ermöglichen und die vom Leistungserbringer selbst formuliert werden.

 

Die Kommission Aus-, Weiter- und Fortbildung hat eine Liste zertifizierter kinder- und jugendpsychiatrischer Gutachter auf der Homepage eingestellt. Dort sind erfahrene Sachverständige in Ihrer Umgebung mit Kontaktdaten aufgeführt.