FAQ

Wird ADHS zu häufig diagnostiziert? Wird Methylphenidat zu häufig verschrieben?

Bei der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivität-Störung (ADHS) handelt es sich um eine in der Kindheit beginnende psychische Störung, die durch die Symptome Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität gekennzeichnet ist. Nach internationalen Studien liegt die epidemiologische Häufigkeit von ADHS (d. h. das Vorkommen in der Bevölkerung) bei Kindern und Jugendlichen bei rund 5%, wobei im Kindesalter höhere Prävalenzen (wie viele sind betroffen) als bei Jugendlichen festgestellt werden und bei Jungen rund dreimal häufiger die Diagnose gestellt wird. Noch höher ist die Zahl der Kinder, die eine weniger starke Symptomausprägung haben. Epidemiologische Studien in Deutschland kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Systematische Metaanalysen (d. h. ein zusammenfassender Blick auf viele Studien gleichzeitig; Polanczyk et al., 2007, 2014) haben gezeigt, dass die Häufigkeitsunterschiede epidemiologischer Studien im Wesentlichen auf Unterschiede der angewandten Diagnosekriterien (DSM-IV oder ICD-10 – US oder internationales System), Erhebungsverfahren (klinische Diagnose, Fragebogen, strukturierte Interviews) und der untersuchten Altersgruppe zurückgeführt werden können. Bei Anwendung identischer standardisierter diagnostischer Kriterien gibt es keinen Hinweis für eine Zunahme der Störung in der Bevölkerung in den letzten drei Jahrzehnten.

In den vergangenen Jahren fanden nationale und internationale Studien jedoch weltweit zum Teil erhebliche Zunahmen der administrativen Prävalenzen (Diagnosehäufigkeiten in verschiedenen Körperschaften) und der Verordnungszahlen von Medikamenten zur Behandlung von ADHS bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. So berichtet etwa eine 2014 publizierte US-amerikanische Studie von Visser und Kollegen (2014) für den Zeitraum zwischen 2003 und 2011 eine Steigerungsrate von 42% für die Häufigkeit von den Eltern berichteter ADHS-Diagnosen ihrer Kinder im Alter von 4 -17 Jahren sowie eine Zunahme der Häufigkeit medikamentöser Behandlungen um 28% von 2007 bis 2011.

Zahlen aus den Diagnosestatistiken von gesetzlichen Krankenkassen legen auf den ersten Blick eine vergleichbare Entwicklung für Deutschland nahe. So errechnete der Barmer GEK Arztreport von 2013, der das ambulant-ärztliche Versorgungsgeschehen in den Jahren 2006 bis 2011 untersuchte, eine aus der Versichertenstichprobe auf die Bevölkerung hochgerechnete Zunahme der Diagnosehäufigkeit von 49% für Kinder und Jugendliche im Alter von 0 bis 19 Jahren. Schubert und Kollegen (2010) fanden in der Analyse eines Datensatzes der AOK Hessen im Jahr 2007 bei Kindern und Jugendlichen im Alter bis 18 Jahre gegenüber 2000 eine Steigerung der Diagnosehäufigkeit von 45% und eine Zunahme der Verordnungen von Methylphenidat um 96%. Die deutlichen Steigerungsraten werden in der Öffentlichkeit mitunter als Beleg für eine Überdiagnostizierung von ADHS und Überverschreibung einer medikamentösen Therapie interpretiert.

Eine Schlussfolgerung aufgrund dieser prozentualen Steigerungsraten allein ist allerdings irreführend. Aussagekräftiger sind eine Betrachtung der absoluten Zahlen und der Vergleich der administrativen und epidemiologischen Prävalenzzahlen:

  • Den Daten der Barmer GEK (2013) zufolge hat die Diagnoserate für ADHS von 2,9% im Jahr 2006 auf 4,1% im Jahr 2011 zugenommen. Die im Barmer-GEK-Report berichteten Verordnungsraten, nach denen etwa 2% der Kinder und Jugendlichen im Alter von 0 bis 19 mindestens eine ADHS-spezifische Arzneimittelverordnung erhielten, liegen deutlich unter den ermittelten Diagnoseraten von etwa 4%.
  • Der Anteil der kontinuierlich Behandelten wird in dem Report nicht angegeben, liegt aber nach anderen Studien erheblich unter dem Anteil der Patienten mit einer Verordnung pro Jahr. So zeigten etwa Schubert und Kollegen, dass etwa die Hälfte der Patienten nach 280 Tagen keine Medikamente mehr erhielten und nur ein geringer Anteil der Patienten mit einer empfohlenen Tagesdosis über einen längeren Zeitraum behandelt wurde (Schubert et al., 2003).
  • Übereinstimmend fanden Lindemann und Kollegen (2012) auf der Basis von Versichertendaten für das Jahr 2005 eine administrative ADHS-Prävalenz von 2,5 % für die Altersspanne von 3 bis 17 Jahren. Im gleichen Datensatz ermittelten Garbe et al. (2012) für den Zeitraum zwischen 2005 und 2009 einen Anteil von 52% der diagnostizierten Patienten mit mindestens einer ADHS-spezifischen Arzneimittelverordnung. Etwa 20% der Patienten beendete die medikamentöse Behandlung innerhalb der ersten 6 Monate; 12 bzw. 24 Monate nach Behandlungsbeginn hatten 43,4% bzw. 66,3% der Mädchen und 36,1% bzw. 54,1% der Jungen die medikamentöse Therapie beendet.
  • Nach den Daten der Versichertenstichprobe der AOK Hessen wurden im Jahr 2007 2,2% der unter 18-Jährigen (gegenüber 1,5% im Jahr 2000) aufgrund der Diagnose einer hyperkinetischen Störung behandelt (Schubert et al., 2010). Etwa die Hälfte der Betroffenen (1,1%) erhielt 2007 mindestens eine Verordnung von Methylphenidat.
  • Die Ergebnisse der bundesweit repräsentativen Studie KiGGS-Welle 1 (2009-2012) des Robert Koch-Instituts, welche die Lebenszeitprävalenz von elternberichteten ADHS-Diagnosen ihrer Kinder im Alter von 3 bis 17 Jahren und deren zeitlichen Trend im Vergleich zur KiGGS-Basiserhebung (2003-2006) untersuchte, zeigen im Gegensatz zu den aus den Krankenkassendaten berichteten Zunahmen der ADHS-Diagnosehäufigkeit keine signifikanten (d.h. wissenschaftlich belegbaren) Veränderungen der Diagnosehäufigkeit für ADHS (Schlack et al., 2014). In dieser Folgestudie gaben, wie in der Basiserhebung, etwa 5,0 % der Eltern von 3- bis 17-jährigen Kindern und Jugendlichen an, dass ihr Kind jemals eine ADHS-Diagnose durch einen Arzt oder einen Psychologen erhalten hat. Die von den Eltern berichtete medikamentöse Behandlungsprävalenz mit ADHS-Medikamenten lag bei Kindern und Jugendlichen im Alter von 3 bis 17 Jahren im Rahmen der KiGGS-Basiserhebung bei 0,9% (Knopf et al., 2012).
  • Anders als in Deutschland stellt sich die Situation in den USA dar. Dort liegen die administrativen Prävalenzzahlen nach neueren Untersuchungen (Visser et al., 2014) erheblich über den in Deutschland und Europa gefundenen Zahlen. Im Jahr 2011 wurde bei 8,8% aller Kindern und Jugendlichen im Alter zwischen 4 und 17 Jahren die Diagnose ADHS gestellt; die Lebenszeitprävalenz lag bei etwa 11%. Etwa 70% der diagnostizierten Kinder und Jugendlichen (6,1%) wurden mit ADHS-Medikamenten behandelt.

Fazit:

Im internationalen Vergleich liegen die Diagnoseraten für ADHS in Deutschland nach den vorliegenden Daten eher im Mittelfeld. Zwar hat auch in Deutschland die Häufigkeit von ADHS-Diagnosen in der klinischen Versorgung im letzten Jahrzehnt erheblich zugenommen, jedoch überschreiten die  administrativen Diagnosehäufigkeiten nicht die in systematischen epidemiologischen Studien gefundenen Prävalenzraten, so dass diese Zahlen keine generelle Überdiagnostizierung belegen.

Nach den vorliegenden Daten erhalten etwa 50% der diagnostizierten Kinder und Jugendlichen eine medikamentöse Therapie (mindestens eine Verordnung in einem Jahr), was im Einklang mit den Leitlinien liegen kann, die erst einmal andere, nicht medikamentöse Behandlungsmöglichkeiten auszuschöpfen empfehlen. Dabei scheint sich der Anstieg der verordneten Tagesdosen in den letzten Jahren in Deutschland abzuschwächen (bis 2010) und war zuletzt rückläufig. Die Prävalenz medikamentöser Behandlungen von Kindern und Jugendlichen mit ADHS in Deutschland liegt deutlich unter den Zahlen, die in den USA gefunden werden, und ist vergleichbar mit den Behandlungsprävalenzen in den Niederlanden und anderen westeuropäischen Ländern.

Es ist allerdings zu vermuten, dass in der klinischen Routineversorgung ein gewisser Anteil von Fehldiagnosen auftritt, wobei sowohl Überdiagnostizierung (d. h. ein Patient erhält fälschlicherweise die Diagnose) als auch Unterdiagnostizierung (d. h. ein Patient erhält fälschlicherweise die Diagnose nicht) vorkommen können. Genauere Aussagen wären nur anhand von wissenschaftlichen Studien möglich, in denen die in der klinischen Routineversorgung gestellten Diagnosen bei jedem Kind überprüft und den systematischen Erhebungen gegenübergestellt werden. Solche Studien sind für Deutschland dringend geboten.  Ebenso kann aufgrund der vorliegenden Daten nicht bestimmt werden, wie hoch der Anteil der medikamentös behandelten Patienten ist, bei denen eine Pharmakotherapie verzichtbar wäre und wie hoch der Anteil der medikamentös nicht behandelten Patienten ist, bei denen eine Pharmakotherapie geboten wäre.

 

Literatur:

Garbe, E., Mikolajczyk, R. T., Banaschewski, T., Petermann, U., Petermann, F., Kraut, A. A., & Langner, I. (2012). Drug treatment patterns of attention-deficit/hyperactivity disorder in children and adolescents in Germany: results from a large population-based cohort study. J Child Adolesc Psychopharmacol, 22(6), 452-458. doi: 10.1089/cap.2012.0022

GEK B (2013) Barmer GEK Arztreport 2013. Schwerpunkt: ADHS. Asgard, Siegburg

Knopf, H., Hölling, H., Huss, M., & Schlack, R. (2012). Prevalence, determinants and spectrum of attention-deficit hyperactivity disorder (ADHD) medication of children and adolescents in Germany: results of the German Health Interview and Examination Survey (KiGGS). BMJ Open, 2(6). doi: 10.1136/bmjopen-2011-000477

Lindemann, C., Langner, I., Kraut, A. A., Banaschewski, T., Schad-Hansjosten, T., Petermann, U., . . . Mikolajczyk, R. T. (2012). Age-specific prevalence, incidence of new diagnoses, and drug treatment of attention-deficit/hyperactivity disorder in Germany. J Child Adolesc Psychopharmacol, 22(4), 307-314. doi: 10.1089/cap.2011.0064

Polanczyk, G., de Lima, M. S., Horta, B. L., Biederman, J., & Rohde, L. A. (2007). The worldwide prevalence of ADHD: a systematic review and metaregression analysis. Am J Psychiatry, 164(6), 942-948. doi: 10.1176/appi.ajp.164.6.942

Polanczyk, G. V., Willcutt, E. G., Salum, G. A., Kieling, C., & Rohde, L. A. (2014). ADHD prevalence estimates across three decades: an updated systematic review and meta-regression analysis. Int J Epidemiol, 43(2), 434-442. doi: 10.1093/ije/dyt261

Schlack, R., Mauz, E., Hebebrand, J., Hölling, H., & Ki, G. G. S. S. G. (2014). Hat die Häufigkeit elternberichteter Diagnosen einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) in Deutschland zwischen 2003-2006 und 2009-2012 zugenommen?: Ergebnisse der KiGGS-Studie - Erste Folgebefragung (KiGGS Welle 1). Bundesgesundheitsblatt Gesundheitsforschung Gesundheitsschutz, 57(7), 820-829. doi: 10.1007/s00103-014-1983-7

Schubert, M. T., Herle, M., & Wurst, E. (2003).  ICD-10 Diagnostik und Lebensqualität. Pilotstudie zur Lebensqualität psychisch auffälliger Kinder und Jugendlicher. Z Kinder Jugendpsychiatr Psychother, 31(4), 285-291.

Schubert, I., Koster, I., & Lehmkuhl, G. (2010). The changing prevalence of attention-deficit/hyperactivity disorder and methylphenidate prescriptions: a study of data from a random sample of insurees of the AOK Health Insurance Company in the German State of Hesse, 2000-2007. Dtsch Arztebl Int, 107(36), 615-621. doi: 10.3238/arztebl.2010.0615

Visser, S. N., Danielson, M. L., Bitsko, R. H., Holbrook, J. R., Kogan, M. D., Ghandour, R. M., . . . Blumberg, S. J. (2014). Trends in the parent-report of health care provider-diagnosed and medicated attention-deficit/hyperactivity disorder: United States, 2003-2011. J Am Acad Child Adolesc Psychiatry, 53(1), 34-46 e32. doi: 10.1016/j.jaac.2013.09.001