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Prof. Joest Martinius erhält Heinrich-Hoffmann-Medaille der DGKJP

Der Kinder- und Jugendpsychiater Prof. Dr. Joest Martinius ist am 23. März 2017 im Rahmen des XXXV. DGKJP-Kongresses mit der Heinrich-Hoffmann-Medaille geehrt worden. Die Gesellschaft würdigte damit Martinius' Engagement um die öffentliche Reputation des Faches und seine besonderen Verdienste um das hilfsbedürftige Kind.

Für Joest Martinius ist der „Struwwelpeter“ mehr als nur ein Kinderbuch-Klassiker. Natürlich, das erzählt der 84-Jährige im Interview, habe er das Buch als Kind gelesen. Aber was von Hoffmann abschreckend-erzieherisch gemeint war und damals auch bei ihm so ankam, sieht Martinius aus der Erwachsenen-Perspektive differenzierter: „Das ist Karikatur, aber wirklich schwarzer Humor.“

Prof. Jörg M. Fegert betont bei der Verleihung der Medaille am 23. März 2017 im Rahmen des XXXV. DGKJP-Kongresses: „Es ist mir eine Freude, dass die Medaille, die den Namen dieses kunstsinnigen, sozial engagierten, wissenschaftlich interessierten, unglaublich gut vernetzten Arztes trägt, heute an Prof. Dr. Joest Martinius, einen ebenfalls kunstsinnigen, sozial engagierten, wissenschaftlich bedeutenden, unglaublich gut vernetzten Arzt  vergeben wird.“ Die Auszeichnung sei die Würdigung eines „umfassend gebildeten, herausragenden Fachvertreter und Botschafter unseres Faches“.

Martinius, der auch selber Karikaturen zeichnet, hat sich auch mit einem anderen Klassiker beschäftigt: „Max und Moritz“ von Wilhelm Busch zeige drastisch und wohl autobiographisch inspiriert, welche Auffälligkeiten vernachlässigte Kinder entwickeln können – ein Thema, das ihn auch beruflich begleitet hat.

Die Neugier auf eine ganzheitliche Betrachtung der Ursachen solcher Auffälligkeiten war es, die den Kinderarzt und Kinderneurologen Martinius 1968 an das Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München brachte. Hier hatte er die Möglichkeit, seinen Forschungsschwerpunkt auf Verhaltensbiologie (z.B. Anpassungsverhalten bei Neugeborenen und jungen Säuglingen) und auf  neuropsychologische Fragestellungen bei Kindern mit Lern- und Leistungsstörungen (Folgezuständen nach Schädel-Hirntraumen, Sprachentwicklungsstörungen, ADHS u.a.) zu erweitern. 1974 wurde Martinius Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Sehen Sie hier das komplette Interview mit Herrn Prof. Joest Martinius.

Seit Ende der siebziger Jahre war er Mitglied im Vorstand der DGKJP, 1988/89 Vorsitzender der Gesellschaft. Als Kongresspräsident veranstaltete er den Bundeskongress 1989 in München. Das Thema: „Kindesmisshandlung, -vernachlässigung, sexueller Missbrauch“. Martinius war 1984 Mitautor des ersten deutschsprachigen  Lehrbuches der kinder- und jugendpsychiatrischen Pharmakotherapie und wurde im selben Jahr auf den neu geschaffenen Lehrstuhl für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Ludwig-Maximilians-Universität München berufen. Gleichzeitig wurde Martinius zum ärztlichen Direktor der damals im öffentlichen Ansehen stark beschädigten Heckscher-Klinik in München bestellt, dem kinder- und jugendpsychiatrischen Versorgungskrankenhauses des Bezirks Oberbayern.  In den Folgejahren bemühte sich Martinius intensiv um den Abbau der Stigmatisierung der jungen Patienten, des Faches und der Klinik. U.a. organisierte und leitete er als Mitglied des Gesundheitsforums der Süddeutschen Zeitung eine ganze Reihe von  Podiumsdiskussionen zu Themen aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Außerdem schrieb er als Gastautor meist ganzseitige Artikel über Inhalte und Arbeitsweisen der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Wochenendausgaben der Süddeutschen Zeitung.

Als sich der umtriebige Professor 1997 aus dem universitären Betrieb verabschiedet, gibt er seinem Fach und dem Lehrstuhl nochmal einen entscheidenden Impuls: Nachdem das Bezirkskrankenhaus wieder von der Universität getrennt worden war, gelang es ihm kurz vor seiner Pensionierung, Fakultät und Universität von der Notwendigkeit einer eigenen kinder- und jugendpsychiatrischen Klinik zu überzeugen.

Den Begriff „Dazugehören“ – das diesjährige Motto des DGKJP-Kongresses – bewegt Martinius auf zwei Ebenen: „Vom Fachlichen her wünsche ich mir, dass der Kinder- und Jugendpsychiatrie im öffentlichen Raum nicht mehr aus der Distanz, teilweise mit Ablehnung begegnet wird, sondern wie andere medizinische Fächer als solches wahrgenommen wird.“ Als Zwölfjähriger hat Martinius selber Erfahrungen damit gemacht, was es heißt, nicht dazuzugehören. Gemeinsam mit seiner sechs Jahre alten Schwester war er  1944/45 wochenlang auf der Flucht von Ostpreußen nach Westfalen. „Wir waren damals das, was man heute als unbegleitete minderjährige Flüchtlinge bezeichnet.“ Bei den Jugendlichen, die heute unter ähnlichen Umständen nach Deutschland kommen wie er selbst damals, sieht Martinius auch den Wunsch dazuzugehören. „Und ihnen müssen wir Perspektiven eröffnen und Zugehörigkeit ermöglichen.“

 

Download:

Laudatio von Prof. Jörg M. Fegert (Ärztlicher Direktor Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -Psychotherapie und Kongresspräsident des XXXV. DGKJP-Kongresses)

Pressemitteilung Verleihung der Heinrich-Hoffmann-Medaille

 

Info:

Zum Andenken an den Autor des "Struwwelpeter", Dr. Heinrich Hoffmann, der als Leiter einer psychiatrischen Klinik in Frankfurt (Main) eine Kinderabteilung gründete, stiftete die "Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie" 1957 die "Dr.-Heinrich-Hoffmann-Medaille" für "Verdienste um das hilfebedürftige Kinde". Sie wird alle zwei Jahre verliehen. Die Medaille wurde Prof. Martinius von seiner Vorgängerin als Trägerin dieser Auszeichnung, der früheren Bundesministerin für Familie, Senioren, Fragen und Jugend Dr. Christine Bergmann verliehen. Sie war auch die erste Unabhängige Beauftragte sexueller Kindesmissbrauch in Deutschland.