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Stellungnahme der DGKJP aus Anlass des Parlamentarischen Abends am 26. Januar 2017

Interdisziplinäre Versorgung und Frühe Hilfen für Kinder psychisch kranker Eltern aus Sicht der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie

Autoren: Prof. Dr. med. Jörg M. Fegert, Prof. Dr. med. Michael Kölch, Prof. Dr. phil. Ute Ziegenhain

Die Ausgangslage

Kinder psychisch kranker Eltern sind unterversorgt. Dies ist unter Fachleuten bekannt und wird seit Jahren von verschiedenen Fachgesellschaften – so auch von der DGKJP - beklagt. Dennoch haben bislang keine entscheidenden Verbesserungen stattgefunden: Kinder psychisch kranker Eltern sind häufig und chronisch hoch belastet. Sie leiden unter der Erkrankung ihrer Eltern und ihre Kindheit ist in vielerlei Hinsicht getrübt und beeinträchtigt. Sie sind in doppelter Weise dem erhöhten Risiko ausgesetzt, selber im Lauf ihrer Entwicklung Verhaltensauffälligkeiten und psychische Störungen zu zeigen. Zum einen sind sie durch die Erkrankung der Eltern in ihrem Alltag stärker belastet und beeinträchtigt, zum anderen bringen viele psychische Störungen eine vererbbare Empfindsamkeit mit sich, was das Risiko für die Kinder weiter erhöht.  

Versorgungslücken

Gravierende Versorgungslücken liegen in unzureichenden (altersadäquaten) Angeboten. Insbesondere für Säuglinge und Kleinkinder mit psychisch kranken Eltern fehlen spezifische Unterstützungs- und Versorgungsangebote oder bestehende Angebote erreichen diese Zielgruppe nicht hinreichend. Punktuelle Initiativen, Projekte und ehrenamtliches Engagement verdecken häufig bestehende Lücken in der Regelversorgung. Reale Versorgungssituation ist aber, dass die Familien nicht hinreichend bzw. nicht systematisch und nicht rechtzeitig unterstützt werden. Hilfen und Leistungen erfolgen meist erst dann, wenn Kinder bereits klinisch relevante Verhaltensauffälligkeiten entwickelt haben. Gerade kleine Kinder mit psychisch kranken Eltern wirken oft angepasst und unauffällig. Dies täuscht selbst Fachleute nicht selten über beginnende Fehlentwicklungen hinweg.

Der Unterstützungsbedarf ist vielfältig. Er erstreckt sich von alltagspraktischer Unterstützung über Entwicklungsberatung und Hilfe bei der Erziehung bis hin zu klinischer bzw. psychotherapeutischer Versorgung für Eltern und Kinder. Gewöhnlich erhalten Kinder psychisch kranker Eltern nur die Hilfen und Leistungen des Systems, in dem sie versorgt werden, nicht aber Leistungen eines jeweils anderen Systems, selbst wenn diese indiziert wären. Eine medizinisch und psychosozial gute und angemessene Versorgung für die belasteten Familien ist aber nur in der Zusammenarbeit der Systeme möglich. Diese wird durch fehlende systematische bzw. wenig verbindliche interdisziplinäre Kooperations- und Vernetzungsstrukturen zwischen den beteiligten Professionellen und den Systemen (Gesundheit, Jugendhilfe und Soziales) erschwert.

Politischer Handlungsbedarf

Verschiedene Fachverbände haben sich in der jüngeren Vergangenheit mit Stellungnahmen und Initiativen darum bemüht, die Unterstützung und Versorgung von Kindern psychisch kranker Eltern zu verbessern. Das Eckpunktepapier „Kinder von Eltern mit psychischen Erkrankungen im Kontext der Frühen Hilfen“1, zu dessen Autoren der Past-President der DGKJP gehört, wurde von 23 Fachverbänden mit unterzeichnet. Vorangegangen waren Initiativen aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie, wie die „Neuköllner Erklärung“2. Ebenso gab es in der Vergangenheit durchaus punktuelle Initiativen im parlamentarischen Raum, z.B. eine Befassung des Ausschusses für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Bisher sind daraus keine strukturell verankerten ressortübergreifenden Verbesserungen für junge Kinder mit psychisch erkrankten Eltern hervorgegangen. Die DGKJP begrüßt inhaltlich die im Antrag von Bündnis90/Die Grünen (Bundestagsdrucksache (18/9856) vorgetragenen zentralen Forderungen, wie die eine interdisziplinäre und verbandsübergreifende Expertenkommission einzurichten sowie eine breite Aufklärungskampagne zu starten.

Für die Etablierung einer verbesserten Versorgungsqualität ist politische Unterstützung zwingend, und zwar über Parteigrenzen und Ressorts hinweg. Sie muss gezielt und parallel an unterschiedlichen Punkten ansetzen.

Bundespolitischer Handlungsbedarf besteht in der rechtlichen und finanziellen Klärung der Rahmenbedingungen für interdisziplinäre Kooperation und Vernetzung. Dies gilt für die fallübergreifende Koordinierung zwischen den Systemen bzw. für die Regelungen in den relevanten Sozialgesetzbüchern. Mindestens beteiligt sind die Kinder- und Jugendhilfe, die Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, psychologische Psychotherapie, Erwachsenenpsychiatrie, Arbeitsagenturen, Sozialhilfe, Rehabilitation und Teilhabe und damit die Überprüfung von Regelungen in den Sozialgesetzbüchern SBG VIII, SGB V, SGB II, SGB XII und SGB IX.

Dies gilt auch für die Gestaltung und Steuerung der interdisziplinären Zusammenarbeit im Einzelfall. Es bestehen Regelungs- und ggf. Finanzierungslücken, wenn Unterstützungsangebote und Leistungen individuell und aus unterschiedlichen Systemen und Sozialgesetzbüchern zusammengesetzt werden, so wie es der fachliche Standard vorsieht.

Handlungsbedarf besteht zudem in der (Weiter-) Entwicklung von altersspezifischen Versorgungsangeboten und deren breite Etablierung in die Regelstrukturen. In den Frühen Hilfen wurden hier niedrigschwellige und selektiv-präventive Programme zur Förderung elterlicher Beziehungs- und Erziehungskompetenzen erfolgreich erprobt. Für deren Ausbau und systematische Etablierung in die Breite ist politische Unterstützung notwendig.

Handlungsbedarf besteht schließlich darin, eine disziplinübergreifende gemeinsame Sprache, gemeinsame Standards für die interdisziplinäre Versorgung sowie interdisziplinäre Aus-, Fort- und Weiterbildungen systematisch zu etablieren. Die Verantwortung für diese inhaltliche Weiterentwicklung und für fortlaufende Qualitätssicherung liegt bei den Fachgesellschaften. Politische Unterstützung wird aber bei der Erarbeitung der Standards und der systematischen Dissemination der Inhalte benötigt. Zeitgemäß wäre die Etablierung und nachhaltige Förderung von E-Learning-Plattformen, über die interdisziplinäres berufsgruppenübergreifendes (Anwendungs-)Wissen qualitätsgesichert und gleichzeitig niedrigschwellig und breit angeboten werden kann.   

Für den Vorstand
Prof. Dr. med. Dr. rer. nat. Tobias Banaschewski

 

Quellen:

1 Pillhofer, M., Ziegenhain, U., Fegert, J.M. Hoffmann, T. & Paul, M. (2016). Kinder von Eltern mit psychischen Erkrankungen im Kontext der Frühen Hilfen. Nationales Zentrum Frühe Hilfen
https://bib.bzga.de/anzeige/publikationen/titel/Eckpunktepapier%20Kinder%20von%20Eltern%20mit%20psychischen%20Erkrankungen%20/

2 Kölch, M., Ziegenhain, M. & Fegert, J.M. (2014). Kinder psychisch kranker Eltern. Herausforderungen für eine interdisziplinäre Kooperation in Betreuung und Versorgung. Weinheim: BeltzJuventa.
http://www.dgkjp.de/images/files/stellungnahmen/2014/14.04.07%20Neukllner%20Erklrung%20definitiv.pdf

 

Download:

Stellungnahme der DGKJP aus Anlass des Parlamentarischen Abends im Nationalen Zentrum für Frühe Hilfen am 26. Januar 2017